
„Wer die Moral verwaltet, verwaltet Macht – keine formale Macht, wie sie etwa der Inhaber eines Regierungsamtes innehat, sondern eine informelle, die im Alltag meist wichtiger für den Umgang miteinander ist als Gesetze und Verordnungen. Es ist nicht die größte Macht in der Gesellschaft, aber eine, deren Relevanz auch nicht unterschätzt werden sollte“, schreibt Fritz B. Simon in seinem neuen Buch „Moralisieren: Waffe im Kulturkampf“. Lässt sich Moral verwalten? Auch dass er Tür und Tor dafür öffnet, nachzufragen und weiter zu denken, macht diesen 100-Seiten-Essay zu einer guten Lektüre; er lädt ein, Rezensieren und Diskutieren zu verbinden. Vor allem vertreibt er den Nebel, der aktuelle politische Phänomene wie Cancel-Culture, Political Correctness, Wokeness umwabert. Simon arbeitet mit locker-präziser Sprache heraus, wie Kulturkämpfe in die (partei)politische Konkurrenz um Machtgewinne und -verluste eingewoben sind.

Um 1780 entstand als Protestsong gegen Zensur und politische Unterdrückung das Volkslied „Die Gedanken sind frei“. In ihrem Sturm und Drang für individuelle Freiheit hat die westliche, die bürgerliche Wirtschaftsgesellschaft – die inzwischen zur Weltgesellschaft expandiert ist – kollektive Voraussetzungen des Zusammenlebens im Grunde immer nur als Störfaktoren, als Hindernisse empfunden. Anders gesagt: Die Bedingungen der Möglichkeit eines gelingenden Miteinanders – die gerade nicht darin bestehen, dass Jeder und Jede ohne Rücksicht auf alles andere und alle anderen seine Freiheiten auslebt – waren und sind der ach so aufgeklärten Moderne nicht geheuer. Trotz (oder gerade wegen) des offenkundigen Umstandes, dass Kommunikation, Verhalten und Handeln soziale Grenzen beachten müssen, wenn der Alltag nicht zur freien Wildbahn werden soll, etabliert sich die Vorstellung, das Kollektive sei das Problematische, das Individuelle die Lösung. Die Elemente der Selbsttäuschung, die in Begriffen wie freie Entfaltung der Persönlichkeit, Meinungsfreiheit, Selbstbestimmung enthalten sind, führen ein turbulentes Eigenleben, unter dessen Gestalten die Moral monströs hervorsticht. Mit der Theorie sozialer Systeme im Werkzeugkasten wagt sich Dr. med. Fritz B. Simon, einer der „bedeutendsten und innovativsten systemischen Therapeuten und Theoretiker“, an die Analyse des Ungeheuers.
Woher kannte Luhmann die AfD, bevor es sie gab?
Moral nennt Niklas Luhmann eine kommunikative Codierung, „die auf dem Unterschied von Achtung und Missachtung aufbaut“. Es geht also nicht um bestimmte Normen und Werte an sich, auch nicht um Rollen und Leistungen, sondern um den anderen als (ganze) Person. Wenn Personen „ihre Reaktionen aufeinander von einem Urteil über die Person statt über die Situation abhängig machen“1, haben wir es mit einem moralischen Urteil zu tun. Offen zeigt es sich in der Verurteilung, in der Missachtung, während Achtung der unauffällige Normalfall ist. Moralisieren heißt alltagspraktisch, der Missachtung von Personen Ausdruck verleihen. Darin liegt der polemische Charakter der Moral, den Luhmann hervorhebt, wenn er deren „polemogenen Ursprung“ betont: “Empirisch gesehen ist moralische Kommunikation nahe am Streit und damit in der Nähe von Gewalt angesiedelt.“2 Woher kannte Luhmann die AfD, bevor es sie gab?

Die Erfahrung, dass „moralisch bzw. moralistisch über vermeintlichen Moralismus“ der Wissenschaft geurteilt wird, dass sich eine „Moralisierung 2.0“ breit macht, hat den Anstoß für Simons Buch gegeben. „Wissenschaftliche Erkenntnisse als Resultat von Moralisierung beiseitezuschieben und die jeweiligen Autoren im besseren Fall durch Nichtbeachtung, im schlechteren durch Missachtung und manchmal gar durch Hass und Hetze zu bestrafen“, diese Methode wird in der Gegenwart vor allem in der Ökologie-Frage praktiziert. Was Simon nicht thematisiert: Diese Methode war in der Vergangenheit auch in der sozialen Frage, in der Friedens- und Genderfrage üblich, also immer dann, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur technisch angewendet oder in Bibliotheken gesammelt, sondern auch von sozialen Bewegungen aufgerufen werden. Stets geht es darum, den Wahrheitsanspruch kritischer Erkenntnisse zu entkräften – nicht mit der Anstrengung, Theorien und Methoden zu falsifizieren, sondern – mit der Unterstellung unredlicher Motive der Forschenden. Das unverkennbare Ziel: zu verhindern, dass aus den Erkenntnissen politische Konsequenzen gezogen werden zum Nachteil der Nutznießer ökologischer Ausbeutung, sozialer Benachteiligung, militärischer Aufrüstung, patriarchalischer Bevormundung.
Herren- und Sklavenmoral
Der Essay öffnet den Horizont des Problems Moralisierung weit über das Wissenschaftssystem hinaus und widmet sich allgemeinen, aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Er fasst dabei auch andere Leistungssysteme ins Auge wie das Recht und die Öffentlichkeit, die Empörungsmobs auf digitalen Plattformen inklusive. Simon argumentiert mit erhellender Differenzierung und Klarheit, er liefert einen neuen Beweis für die alte Weisheit, es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie. Ausführlich diskutiert er das Verhältnis zwischen den eigensinnig funktionierenden Leistungssystemen mit ihrer je spezifischen Eigenmoral – Luhmann spricht von deren „höherer Amoralität“ – einerseits und allgemein vorherrschenden Moralvorstellungen andererseits, für die er synonym auch den Kulturbegriff einsetzt. Welche Grenzen zieht die herrschende Moral? Simon fragt zum Beispiel,
was sagt es über die US-Gesellschaft aus, wenn ein prominentes (angeblich nur ehemaliges) Mitglied dieses Netzwerks [des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein], Donald Trump, zum Präsidenten des Landes gewählt wird, obwohl er selbst, ebenfalls wegen sexueller Übergriffe Frauen gegenüber, verurteilt wurde, einem Porno Star Schweigegeld gezahlt hat und sich der Möglichkeiten rühmte, jede Frau an jeder Stelle ihres Körpers betatschen zu können, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen? […] Ein Präsident, der öffentlich erklärt, er fühle sich nicht an internationale Verträge und Institutionen gebunden, sondern nur an seine eigenen Vorstellungen von Moral; der ohne Legitimation durch das Parlament Kriege beginnt und fremde Staatsoberhäupter entführen lässt.
Mit Nietzsches Unterscheidung zwischen Herrenmoral und Sklavenmoral3 („Was Epstein und sein Netzwerk praktiziert haben, […] ist Herrenmoral, eine skrupellose Ausnutzung von Abhängigkeits- bzw. Oben-unten-Beziehungen“) versucht der Autor Erklärungsansätze zu finden. Analytisch stärker finde ich, wie es in dem Buch gelingt, die kollektiv bindenden Einflüsse der Politik und der Kultur in ihrer Verwobenheit transparent zu machen.
Politischer Einfluss wird auf dem Weg machtgestützter, letztlich von staatlicher Gewalt abgesicherter Entscheidungen ausgeübt, die als Gesetze rechtsförmig binden. Recht, Geld (und Öffentlichkeitsarbeit) sind die Steuerungs- und Interventionsinstrumente des Regierungshandelns.
- Je mehr ein Verständnis von Freiheit die Oberhand gewinnt, das die Individualperspektive verabsolutiert – die soziale Beziehung, die dem Ich uneingeschränkte Priorität verleiht, ist die Marktbeziehung: „Unterm Strich zähl ich“ –,
- desto brüchiger wird die Legitimationsbasis der Politik, wenn sie kollektive Belange durchsetzen will und soll, zum Beispiel eine intakte Infrastruktur oder ein soziales Auffangnetz. Spätestens in Krisen, wenn die Einzelperson nicht mehr weiter weiß und der Staat es richten soll, wird dann Politikerbashing zum Volkssport.

Ein bequemer Frustabladeplatz
Über dem Strich gibt es nicht nur die Politik und deren Zentrale, den Staat. Umgangsformen, Sprache, Identitäts- und Sinnstiftung bilden ebenfalls kollektive Voraussetzungen individueller Karrieren. Dieser jeweilige Stand der Zivilisation (der Kultur?) beruht nicht auf Entscheidungen. Seine Komponenten bilden und festigen sich evolutionär als kollektive Erwartungen, die in den Praktiken des Alltags nicht enttäuscht werden wollen/sollen.
Für alle kollektiven Voraussetzungen, politische wie kulturelle, gilt, dass sie im Selbstverständnis der Moderne den Einzelpersonen von außen widerfahren. Als Minderheitenmeinung Minderbemittelter wird am Katzentisch die Einsicht geduldet, dass individuelle Freiheiten auf kollektivem Grund und Boden gedeihen, dass sie nur eingebettet in gesellschaftliche Rahmenbedingungen überhaupt existieren können. Kollektivität ist, um meine Minderheitenmeinung zuzuspitzen, Bedingung der Möglichkeit von Individualität, nicht deren Feind.
Wer erstens und vor allem sich selbst sieht, wird, was ihm widerfährt, persönlich nehmen, negative Erfahrungen dementsprechend anderen Personen zuschreiben und diese anderen, sie sind ein bequemer Frustabladeplatz, mit Missachtung strafen. Steigt der Pegelstand der gesellschaftlichen Problemlagen, feiert die Moralisierung empörte Urständ. Wenn in diesem Zusammenhang in Leitartikeln und an Offline- wie Online-Stammtischen über Egoismus geklagt wird, dann ist das nur die psychologisierende Verniedlichung eines wesentlichen Strukturmerkmals des Normalbetriebs der Gegenwartsgesellschaft.4 Simon kommt zu dem Schluss: „Die ‚Todsünde‘ der westlichen Gesellschaften bestand in der Akzeptanz der irrationalen Idee, der Staat sei das Problem, das er zu lösen vorgebe.“ Ich gehe einen Schritt weiter und formuliere: Die „Todsünde“ der Moderne besteht in der Akzeptanz der Idee, das Kollektiv sei das Problem, das Individuum die Lösung.
Expansion des Marktfundamentalismus
Die abschließenden vier der 17 Abschnitte des Essays („Eine neue Feudalisierung“, „Die niedere Amoralität des Marktfundamentalismus“, „Populismus“, „Das Ende der funktionellen Differenzierung?“) passen zu beiden Sichtweisen, sie haben die marktwirtschaftliche Okkupation des Sozialen im Fokus. Simon beschreibt eine Expansion des Marktfundamentalismus: „Aus der Heterarchie unterschiedlicher Funktionssysteme wurde eine Hierarchie, in der ökonomische Kriterien in allen Funktionsbereichen eine ihnen von ihrer Funktion her eigentlich nicht zustehende, übergeordnete Bedeutung gewannen.“ Die Beispiele liegen auf der Hand, ob massenmediale Öffentlichkeit, Gesundheitssystem, Kunst, Sport, Militär, Bildung, Wissenschaft, sogar Religion, Recht und Politik (z. B. versuchen Milliardäre demokratische Wahlen zu pervertieren), selbst im Spiel, überall tanzen die Entscheidungen zunehmend um das goldene Kalb Wirtschaft und deren Erfolgsmedium Geld.
Auf dem Markt tritt markant hervor, wie ideologielastig im bürgerlichen Freiheitsverständnis Realitäten wahrgenommen werden. Betont und gelobt wird die Freiheit jeder einzelnen Person (und Organisation) im eigenen Interesse und nur im eigenen Interesse anzubieten und nachzufragen. Als bloßer Nebeneffekt wird bejammert, wie sehr das eigene Angebot, sein Wert und sein Preis, von der Nachfrage der anderen, wie sehr die eigene Nachfrage von dem Angebot der anderen abhängen. Dabei stehen sich die Tauschpartner mit legitimer Indifferenz gegenüber; es darf mir gleichgültig sein, wie dringend andere etwas brauchen, etwas kaufen oder verkaufen müssen: Unterm Strich zähl ich.
Riesenunterschiede im Reich der Mitte
Das Verhältnis zwischen Freiheit und Abhängigkeit pendelt sich auf dem Markt nicht in einem Gleichgewicht aus, sondern mündet in Polarisierungen. „Die Unterschiede zwischen den Superreichen und dem Rest der Bevölkerung sind wahrscheinlich noch nie in der Geschichte so groß gewesen. Gegen den Reichtum der Tech-Milliardäre heute waren Öl- und Eisenbahnmagnaten wie Rockefeller oder Vanderbilt arme Schlucker“, hält Simon fest und resümiert: „Es liegt in der Logik eines unregulierten, grenzenlosen Kapitalismus – unabhängig von den Motiven und Absichten seiner Teilnehmer –, dass Unterschiede verstärkt werden. Wenn man sein Geld (besser: Kapital) »arbeiten« und es sich so vermehren lassen kann, dann vermehrt sich eben viel Geld mehr als wenig Geld, ganz zu schweigen von dem nicht vorhandenen Vermögen der größten Teile der Bevölkerung.“ Die Arm-Reich-Scheren Europas und Amerikas, die russischen Oligarchen und die arabischen Scheichs sind öffentlich präsent. Weniger bekannt sind die Riesenunterschiede im „Reich der Mitte“, das „kommunistische“ China steht den USA in nichts nach. Der Diagnose mit allem Eifer zu widersprechen, dass die Gegenwartsgesellschaft Glanz & Elend strukturbedingt automatisch produziert wie Rasenmäher geschnittenes Gras, dürfte die dreistete Lebenslüge der Moderne sein.

Märkte produzieren, je weniger politische Kontrolle greift, euphorische Gewinner und niedergeschlagene Verlierer. Vor allem erzeugen sie permanente soziale Unsicherheit und zwar nicht nur „unten“, sondern vor allem in der „Mitte“, die etwas zu verlieren hat. Moralisierung, die sich empörende Missachtung, sucht sich Namen und Adressen, an denen sie sich abreagieren kann.
Hier schließt sich die spannende Frage an: Weshalb wird es zu einer öffentlichen, einer politischen Bewegung, im Abschied vom Aufstieg und in der Gefahr des Abstiegs nicht mehr das eigene Defizit zu sehen und sich aufgefordert zu fühlen daraus zu lernen, sondern Schuldige zu suchen und demonstrativ anzuklagen?
Der großen modernen Erzählung, dass jeder seines Glückes Schmied sei, haftete immer die Begleitbotschaft an, dein Pech ist dein Versagen. Der Begriff der Klasse landete nicht deshalb im Museum, weil es keine dauerhafte soziale Schichtung mehr gäbe, sondern weil es gelang, Nicht-Vorwärtskommen und Herunter-Kommen als individuelles Versagen einzuordnen. Moralisierung als politische Bewegung verweigert sich dieser Schuldzuschreibung, allerdings nur zugunsten der Jagd nach Sündenböcken. Viel Stoff, um weiter zu denken und zu deuten.
Die Grenzen seines Essays hat Simon in einer persönlichen Vorbemerkung selbst aufgezeigt: „Nach kurzer Zeit bemerkt man, dass sich das gesamte Strickwerk nach und nach aufdröselt, und man steht vor der Frage, ob man wirklich weiter an dem losen Faden ziehen soll. Tut man dies, hat man wahrscheinlich am Schluss einen langen Faden Wolle, aber keinen Pullover mehr, es sei denn, man entschließt sich, einen neuen zu stricken.“
Auch wenn kein neuer Pullover dabei herauskam, fühle ich mich nach der Lektüre des Buches für weitere Debatten besser ausgestattet.
1 Luhmann, N. (1997). Die Gesellschaft der Gesellschaft. Suhrkamp, S. 244f.
2 Luhmann, N. (1990). Paradigm lost: Über die ethische Reflexion der Moral. Suhrkamp, S. 26
3 Nietzsche, F. (1887). Zur Genealogie der Moral. In: ders. (1964). Sämtliche Werke. Bd. VII. Alfred Kröner, S. 237–422
4 Luhmanns Aufsatz „Individuum, Individualität, Individualismus“ in: ders., Gesellschaftsstruktur und Semantik, Band 3, 1998 (S. 149-258) ist dazu besonders zu empfehlen
Fritz B. Simon: Moralisieren: Waffe im Kulturkampf. Carl Auer Verlag 2026
101 Seiten, 14,50 €
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