Der Rhein im Niedrigwassermodus, Schiffe auf dem Trockenen, die Landwirte im Dürrestress und kommunale Verbote, das Auto zu waschen: Der Sommer 2026 war ein besonderer. Und der Herbst schließt sich nahtlos an. Aber Hitze und Trockenheit dürften, so mahnen alle seriösen Klimaforscher, auch in den gemäßigten Breiten zum Regelfall werden. Das Wasser, in Mitteleuropa bisher im Überfluss vorhanden, wird zum kostbaren Gut werden. Rund ein Viertel der Wirtschaftsleistung im Euroraum, so hat die EZB berechnet, sei durch die Wasserknappheit beeinträchtigt.
Die Alpen, jahrtausendelang mit ihren Gletschern Speicher für Rhein und Donau, werden ihre Funktion einbüßen. Manches wird sich ändern müssen – in der Transportwirtschaft, für die Landwirte, in der Stadtplanung, für die kommunalen Wasser- und Abwasserbetriebe, für Unternehmen mit hohem Wasserverbrauch. Mit einer Fachtagung Anfang Oktober unter dem Motto „Zukunft ≈ Wasser“ bemühte sich Umweltminister Carsten Schneider dem Thema Aufmerksamkeit zu verschaffen und Partner zu gewinnen. Verständlich, denn viele Verbündete im Bundeskabinett hat er nicht. Zwischen dominierenden Themen wie Rente, Haushalt oder Pflege geraten die Umwelt und auch das Wasser regelmäßig ins Hintertreffen.
Niedrigwasser schadet dem Wachstum
Das soll sich ändern. Weshalb dem Thema Wasser in Schneiders Ressort inzwischen hohe Priorität zukommt. Nicht nur weil das Naturelement den Freizeitangler Carsten Schneider schon immer beschäftigt hat. Die Lage sei inzwischen „eine dramatische Belastung“ für Natur und Wirtschaft, wie er dem Kölner Stadtanzeiger kürzlich sagte. Denn Hydrologen und auch die Experten in Ministerium und Umweltbundesamt fürchten die nächsten Monate: Wenn nach dem trockenen Sommer und Herbst auch im Winter wenig Niederschlag fällt, „dann wird es nächstes Jahr richtig schlimm“, wie ein Experte prophezeit. Das weiß auch Schneider und mahnte deshalb unlängst: Das Wasser sei zur „Überlebensfrage in der Bundesrepublik“ geworden ist. Es brauche sehr grundsätzlich „langfristige Veränderungen in der Wassernutzung“.
Die Fachtagung seines Hauses vor wenigen Tagen sollte dazu beitragen, das Bewusstsein zu schärfen – und die Wirtschaft ins Boot zu holen. Denn auch sie hat Interessen, woran Schneider versuchte, sie zu erinnern: „Eine sichere Wasserversorgung ist ein zentraler Standortfaktor.“ So war es immer schon. Überall auf der Welt haben sich Unternehmen an Flussläufen niedergelassen: „Ohne Wasser funktioniert kein Chemiewerk und keine Halbleiterfabrik.“ Ein Großteil der deutschen Unternehmen sei in Produktion oder Lieferkette von Wasser abhängig. Schneider: „Wasser ist die Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg. Und Niedrigwasser schadet unserem Wachstum.“
Für den Minister gilt deshalb: „Es ist nicht, wie manche behaupten, der Klimaschutz, der der Wirtschaft schadet. Es ist der Klimawandel, und zwar nachweislich.“ Umso mehr müsse es auch im fundamentalen Interesse der Wirtschaft sein, dass sich Deutschland im Umgang mit dem Wasser neu aufstellt. Das bedeute: Wasser nicht mehr ableiten wie in früheren Jahrhunderten, sondern in der Landschaft halten. Schneider: „Und es bedeutet deutlich mehr Investitionen in die Wasserinfrastruktur.“
Die Landschaft wurde zu lange entwässert
Die Unternehmen also werden ihren Beitrag leisten müssen. Ein bisschen lockte er, ein bisschen zeigte er die Folterinstrumente. Wenn Großverbraucher sich bundesweit und systematisch an den Kosten beteiligen müssten, motiviere das auch, Wasser zu sparen und in entsprechende Techniken zu investieren. Noch wollten die Unternehmensvertreter, prominent auf den Podien platziert, nicht so richtig mitziehen. Sie sehen das Thema vor allem ökonomisch, sprachen nicht von Flüssen, sondern von „Wasserstraßen“, wollen zusätzliche Kosten minimieren und vor allem: „keine zusätzliche Regulatorik“.
Und doch zeichnet sich in aller Schärfe ab: Wasser wird schmerzhaft anders bepreist werden als bisher. Schon haben sich Papierhersteller und andere energieintensiven Branchen gegen jede Preiserhöhung positioniert. Auch auf die Mineralbrunnen kommen Änderungen zu. Große Marken wie Gerolsteiner, Selters oder Adelholzener holen ihr Wasser bisher aus dem Boden, kostenfrei oder für wenige Cent pro Kubikmeter. Insbesondere Bayern, Thüringen und Hessen verzichteten bisher auf ein Entgelt. Bayern schwenkt nun um, so dass auch Adelholzener im nächsten Jahr zur Kasse gebeten wird. Wie nachlässig das Thema bisher behandelt wurde, zeigt sich daran, dass es kaum gesicherte Daten zur Entnahme gibt. Weshalb auch die Wasser-Abteilungsleiterin im Berliner Umweltministerium, Christine Wilcken, sagt: „Wassermanagement ohne gute Datengrundlage funktioniert nicht.“
Nicht nur die Wirtschaft und die Unternehmen werden sich umstellen müssen. Auch auf Stadtplaner, Ingenieure und vor allem die Verbraucher kommen Veränderungen zu. Denn die Wetterextreme werden zunehmen. Große Regenmengen in kurzer Zeit, die wegen ausgetrockneter Böden schnell abfließen, werden auf lange Trockenperioden folgen. Und umgekehrt. Und weil der Grundwasserspiegel kontinuierlich sinkt, müssen neue Speicher, natürliche und künstliche, her. „Wir müssen das Wasser in der Landschaft halten“, sagt der Umweltminister. „Wir haben die Landschaft zu lange entwässert.“
Der Minister hält Kurs, voräufig
Die Kommunen werden entsiegeln, in große Zisternen investieren und sich in Schwammstädte verwandeln müssen. Auch auf die Landwirte kommt Einiges zu. Noch pumpen sie das Grundwasser überwiegend kostenfrei aus dem Boden. In Brandenburg wird gerade erbittert um eine Neuregelung gerungen, auch in vielen anderen Bundesländern stemmen sich die Bauernverbände gegen eine Bepreisung. Ihr Argument: Das entnommene Wasser fließe doch ins Grundwasser zurück. Die Obstbauern am Bodensee wiederum bemühen den überstrapazierten Hinweis, ihre Wettbewerbsfähigkeit sei gefährdet.
Doch der Trend ist eindeutig: Die staatliche Bereitschaft, das Wasser kostenfrei bereit zu stellen oder wie gewohnt Ernteausfälle zu kompensieren, wird sinken – wenn die Bauern nicht in Bewässerungstechnik investieren, effizient, zielgenau und wassersparend. Schon jetzt gilt die Green-Tech-Branche mit ihren Start-ups als einer der Innovationstreiber der deutschen Wirtschaft.
So zeichnet sich ab: Der Umgang mit dem Wasser steht vor einer Totalrevision. „Drei Liter Trinkwasser kosten weniger als einen Cent. Recyceltes Wasser kostet ein Vielfaches davon“, beschreibt Wasserexpertin Wilcken das Dilemma. Und geklärtes Abwasser wird mit der vierten Reinigungsstufe, zu der die Kläranlagen verpflichtet sind, um die Rückstände aus Medikamenten und Kosmetika aufzuarbeiten, noch teurer werden. Noch ist der Streit nicht entschieden, wer für die Milliarden-Investitionen aufkommen muss.
Die EU-Kommission hat die Herstellerverantwortung für den Gewässerschutz eingeführt. Bis Ende 2027 soll sie in nationales Recht überführt werden. Bisher wehren sich die Hersteller erbittert dagegen, auch vor Gericht. Der Minister hält Kurs, vorläufig: „Das muss fair finanziert werden. Nicht von den Bürgerinnen und Bürgern, sondern vom Verursacher. Wer unser Wasser verschmutzt, muss auch für die Reinigung aufkommen.“ Es wäre ein Fehler, das Prinzip der Herstellerverantwortung aufzugeben.
Wie der Streit auch ausgeht: Die Zeit, in der das Trinkwasser zum Spottpreis aus dem Hahn sprudelte, neigt sich dem Ende entgegen. Für Unternehmen und Verbraucher gleichermaßen.
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