„Beim RBB gab es ein Organversagen“  

Trotz der fristlosen Kündigung der RBB-Intendantin Patricia Schlesinger droht die Krise beim RBB die ARD und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk insgesamt in Verruf zu bringen. Forderungen nach einer Reform der Aufsichtsgremien werden lauter. Diemut Roether, verantwortliche Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd), sprach mit dem Medienwissenschaftler Otfried Jarren über das Versagen der Aufsicht beim RBB und darüber, wie die Aufsicht in der ARD und beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk organisiert werden müsste. Bruchstücke dankt, das Interview übernehmen zu können, das vor dem Hintergrund des Aufruhrs um eine vorgeschlagene Interims-Intendantin umso erhellender ist .

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Der Sozialstaat hat wesentliche Aufgaben ordentlich gelöst  

Eine Vielzahl von Ankündigungen und Deutungen besagt: Im Winter zieht eine schwere Rezession herauf: Stagnierendes beziehungsweise rückläufiges Wachstum während wenigstens zweier Quartale im Vergleich zu vorausgegangenen Zeitabschnitten; also dünner werdende Orderbücher, schrumpfende Aufträge, schrumpfende Produktionen, fallende Auslastung, ungenutzte Arbeitskraft, fallende Beitragszahlungen und Steuern. All das käme zu explodierenden Energiekosten, hoher Inflation, steigenden Zinsen und Kriegsangst hinzu. Fallen Land und Leute in die Vergangenheit zurück? Einige Hinweise auf Fortschritte.

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Unfehlbare, nicht nur auf Sendung, auch an der Regierung

Foto: Armin Kübelbeck auf wikimedia commons

Jüngst durften wir hier eine sehr interessante Analyse von Dieter Pienkny über den mentalen Zustand des öffentlich-rechtlichen Rundfunks veröffentlichen. Pienkny ist Journalist, war sehr viele Jahre — entsandt vom DGB — stellvertretender Vorsitzender des rbb-Rundfunkrats und ist seit einigen Wochen aufgrund anhaltender Rücktritte nun Vorsitzender des rbb-Rundfunkrates. In seiner Analyse, basierend auf einer mehr als 20jährigen Kontrolltätigkeit in Sachen öffentlich-rechtlichen Rundfunks kommt er zu diesem Schluss: „Die ARD, und damit meine ich Chefredakteure, Programmdirektoren o.ä, die ich in all den Jahren erlebte, pflegen ihr Unfehlbarkeitsdogma in Programmfragen und wedeln die Meinungen der Gremien als lästige Einmischung weg. … Die ARD-Oberen sind in vielen Bereichen kritik- und beratungsresistent, ihnen fehlt schlichtweg eine Fehlerkultur.“ Dieses fest verankerte vatikanische Dogma der Unfehlbarkeit hat die Grenzen der ARD überschritten und die Bundesregierung erreicht.

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Cliffhanger, Teaser und andere Lockvögel

Intromusik: terrasound.de

Online-Nachrichten fallen über das Publikum her wie ein Lockvogel-Schwarm. Köder auszuwerfen, ist zur ersten Journalisten-Pflicht geworden. Da kann passieren, was will, das Publikum muss zum Klick verführt werden. Klicks sind die Währung der Internet-Ökonomie. Der Teaser darf nicht verraten, was kommt, aber er soll den Eindruck erwecken: das Beste kommt noch.

Geschrieben und gesprochen von Joe Kerr

Weitere Folgen von ‘Auch das noch!‘ zum Hören gibt es hier, wer nachlesen möchte, findet hier einen monatlichen Rückblick.

Atomkraftwerk Saporischschja (Teil 2) Attacken, Chaos, Dementis

Screenshot 2. September 2022, 19.59h: Pressekonferenz des IAEA-Direktors Rafael Grossi

Am 1. September traf eine Delegation der Internationalen Atomenergie Agentur (IAEA) nach gefahrvoller Anreise im Atomkraftwerk Saporischschja ein. Sowohl die Ukraine als auch Russland haben der Mission der Wiener Nuklearexperten offiziell zugestimmt. Nichtsdestoweniger geriet das russische besetzte Kraftwerk in der Stadt Enerhodar bis kurz vor Ankunft der UN-Diplomaten mehrfach unter Beschuss. Wie üblich warfen sich die beiden Kriegsparteien gegenseitig vor, dafür verantwortlich zu sein. Welche Logik, welche Interessen stehen hinter dem chaotischen Kräftemessen, das eine atomare Katastrophe riskiert?

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Atomkraftwerk Saporischschja (Teil 1): Wissenschaftler für sofortige Abschaltung

Screenshot: Website Energoatom, das ukrainisches Staatsunternehmen, das mit dem Betreiben aller ukrainischen Kernkraftwerke betraut ist

Einen anhaltenden Beschuss des Atomkraftwerk Saporischschja melden die Nachrichtenagenturen. Wie konkret die Gefahr eines Atomunfalls inzwischen ist, lässt sich daran ablesen, dass die ukrainischen Behörden der Region damit begonnen haben, vorsorglich Jod-Tabletten an die Bevölkerung zu verteilen. Die EU-Kommission hat angekündigt, dass ihre Mitgliedsstaaten der Ukraine fünf Millionen Kaliumjodtabletten spenden werden. Am 1. September traf eine 14-köpfige Delegation der Internationalen Atomenergie Agentur (IAEA) unter der Leitung von Generaldirektor Rafael Grossi vor Ort ein.

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Ein Bauer im Senegal

Ein junger Bauer aus dem Senegal sah sich gezwungen, nach Europa zu gehen, um Geld zu verdienen. Dieses Land ist für Naturgefahren wie Küstenerosion, Dürren, Überschwemmungen und Heuschreckeninvasionen besonders anfällig. Der Klimawandel verschärft diese Risiken insbesondere für Kleinst-, kleine und mittlere Unternehmen (KKMU). Ihre Anpassungsfähigkeit an die Risiken des Klimawandels scheint jedoch gering. Mehrere Ministerien und Behörden des Senegals unterstützten zwar ihre Entwicklung, aber es fehlt immer noch ein klarer Business Case, um die Maßnahmen zu beschleunigen.2

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Die Agenda 2030 braucht radikale Politik und echte Kompromisse für Übergänge  

Anthropozän Collage (Treisijs auf wikimedia commons)

In einer globalen moralischen, wissenschaftlichen und ökologischen Umbruchsituation wie der gegenwärtigen kann es keinen Plan oder kein Handeln geben, auf deren Boden eine relativ übersichtliche „Landkarte“ von klugen Strategien und Handlungsoptionen entfaltet werden könnte. Ambitionierte Ratschläge für das Gelingen eines Gesamtentwicklungsvollzugs sind daher abzuschwächen. Angezeigt erscheinen stattdessen Ratschläge für die Möglichkeit des Gelingens einer Politik, welche uns in der dynamisierten Situation des Unterwegseins auf der vom Menschen überformten Erde ein Weiterkommen ermöglicht.

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Lebensunterhalt und Unterhaltung

Videogames 2006 (Foto: Videogameretaildisplay auf wikimedia commons)

„Unwirtschaftlich“ gilt als alarmierender Befund, fast schlimmer als unmoralisch, ungebildet oder ungesund. Die Wirtschaft stellt an den Rest der Welt zwei Fragen: Was kostet es? Was bringt es? Es kommt ihr auf das Verhältnis der beiden Antworten an. Ökonomisches Denken setzt Aufwand und Ertrag in Beziehung zueinander. Das klingt nicht nur vernünftig, das ist es auch, denn es ist der Weg vom Notstand zum Wohlstand. Ende der Durchsage? Weshalb ist Ökonomisierung zu einem kritischen Begriff geworden, warum kann man zum Beispiel die Ökonomisierung des Spiels aus guten Gründen nicht wollen?

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Das Spiel, nur noch ein business case  

Intromusik: terrasound.de

Am heutigen Sonntag geht in Köln die Gamescom zu Ende, “Europas führende Business-Plattform für die Games-Branche”. 34 Millionen Menschen, sagt die Statistik, spielen alleine in Deutschland gelegentlich bis regelmäßig Computerspiele. Einfach nur spielen, das ist fast unmöglich geworden. Kaum noch ein Spielzug, der nicht unter das Kalkül von Umsatz und Gewinn gerät. Als “heißeste neue Strategie in der Wirtschaft” gilt Gamification: Leistungen der Mitarbeiter:innen sollen “von der inneren Muss-ich-machen-Liste auf die innere Will-ich-machen-Liste” gehievt werden.

Geschrieben und gesprochen von Joe Kerr

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Die ludische Gala des Computers

Screenshot Gamescom Award

In Köln am Rinnsal des Rheins flutet das Geschäft mit dem Spiel die Messehallen. “Vom 23. – 28. August könnt ihr das weltweit größte Event rund um Computer- und Videospiele und Europas führende Business-Plattform für die Games-Branche endlich wieder live und sorgenfrei erleben”, jubeln die Veranstalter der Gamescom. Der Computer hat eine Hochkonjunktur des Spiels ausgelöst, die ludische Gala ist in vollem Gang. In familiären und freundschaftlichen Alltagsgesprächen, in den Massenmedien, an Universitäten („game studies“) und nicht zuletzt von der Wirtschaft wird das Thema Spiel gehyped. Was macht der homo sapiens, wenn er nicht als homo faber oder als homo oeconomicus aktiv ist, sondern als homo ludens? Die Attraktivität des Spiels beruht, so die These vorab, auf erwünschten Erlebnissen, die den Umgang mit Unerwartetem und das Hoffen auf Gelingen miteinander verbinden.

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Nukleare Abschreckung, instabil und paradox

Bild: geralt auf Pixabay

Eigenartigerweise spielt in den deutschen Medien bislang nur ein geringe, auf jeden Fall nur eine untergeordnete Rolle, was der Politikwissenschaftler Peter Rudolf im Untertitel seines Buches „Welt im Alarmzustand“ ankündigt: „Die Wiederkehr nuklearer Abschreckung“. In den deutschen Medien dominiert nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs – nach einer eher kurzatmigen Debatte über den Sinn und die Gefahren einer Flugverbotszone über der Ukraine – das Thema der Lieferung schwerer Waffen, so als ob nicht die drohende Konfrontation zweier Atommächte und damit die nukleare Abschreckung mit auf der Tagesordnung stünden und nicht nur die Unterstützungsbedürftigkeit des attackierten Landes mit modernen Waffen.

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Friedenslogik? Kriegsmetaphysik? Es geht um Staatsinteressen, merken Sie sich das  

Alice Lex-Nerlinger (1893-1975) “Das Verborgene Museum”
Neue Nationalgalerie Berlin (Foto: Fabian Arlt)

“Wie auch immer dieser Krieg ausgehen mag, so steht doch eines fest: Russland bleibt der große, indirekte Nachbar Deutschlands auf dem europäischen Kontinent. Wir stehen vor der Alternative: Entweder ein neuer Kalter Krieg mit Waffengeklirr, Aufrüstung, Feindbildern, dem Kappen aller Beziehungen, die seit dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere seit der Entspannungspolitik der 1970er-Jahre mühevoll geknüpft worden sind, ständige Kriegsgefahr. Oder die Suche nach einer neuen Koexistenz bei Anerkennung der Unterschiede; mit der Vision einer Wiederanknüpfung an die Idee vom ‘Gemeinsamen Haus Europa’.”

Auf Einladung des Emmendinger Kreisverbandes von Bündnis 90/Die Grünen sprach der Militärhistoriker und Friedensforscher Wolfram Wette am 20. Juni 2022 in Denzlingen zum Krieg in der Ukraine. Die seemoz veröffentlichte den Vortrag ungekürzt in 2 Teilen. Wir haben daraus 1 Bruchstück gemacht, publizieren es sechs Monate nach Kriegsbeginn und danken Wolfram Wette und der seemoz-Redaktion für die Freigabe.

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Butter by Lindner (zwei)  

FDP 2012, Guido Westerwelle, Christian Lindner, Daniel Bahr (Foto: Raimond Spekking auf wikimedia commons)

»If you are in a deep hole, stop diggingHör auf zu graben, wenn du in einem tiefen Loch bist. (unbekannt)
Nicht nur die FDP im Besonderen, Zivilisationen neigen allgemein dazu, auf große Krisen mit der Verstärkung jener Strategien und Praktiken zu reagieren, die Teil des Problems sind und im schlimmsten Fall die Krisen erst hervorgerufen haben. Zwar hat uns Friedrich Hölderlin ins Buch geschrieben, wo Gefahr sei, wachse das Rettende auch, aber es bedarf einer großen Kraftanstrengung, dies in der Gegenwart für wahr zu nehmen. Christian Lindner ist insofern ein Gefangener seiner eigenen Beschwörungsformeln.

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Nachhaltigkeitspolitische Perspektive für Nordstream 2 

Dass Nordstream 2 in der konzipierten Form schon aus nachhaltigkeitspolitischen Gründen zum Scheitern verurteilt war, zeichnete sich ab, seitdem das Projekt geplant wurde. Als Großprojekt der fossilen Energiewirtschaft ist Nordstream 2 von Anfang an im Hinblick auf die in den nächsten Jahren anstehende notwendige Dekarbonisierung ignorant und zukunftsblind. Nordstream 2 ist ein Monument der nachhaltigkeitspolitischen Fehlstellung Deutschlands und Russlands in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts.
Nachdem Nordstream 2 fertiggestellt ist und der Angriff Russlands auf die Ukraine die Inbetriebnahme dieses zukunftsblinden Projektes endgültig gestoppt zu haben scheint, gibt es zwei Möglichkeiten: den Rückbau bzw. Abriss oder eine alternative Nutzung.
Eine alternative Nutzung würde die nachhaltigkeitspolitische Blindheit des Projektes hinter sich lassen und Energiewende-Zielsetzungen im Sinne der Transformation verfolgen. Die Pipeline könnte beispielsweise in Zukunft statt dem Transport von fossilem Gas der Durchleitung von CO2-freiem synthetischem Gas dienen.
Eine solche alternative Nutzung würde freilich erhebliche energiewirtschaftliche Investitionen in Russland und Deutschland voraussetzen. Nordstream 2 könnte so Teil eines länderübergreifenden Infrastrukturprojektes der Transformation zur Nachhaltigkeit werden. Diese nachhaltigkeitspolitische Perspektive könnte auch in Verhandlungen zur Beendigung des Krieges in der Ukraine eine zukunftsgestaltende Rolle spielen. Ob Nordstream 2 noch eine Perspektive hat, wird freilich auch davon abhängen, ob nach Kriegsende Russland bereit und in der Lage ist, mit Europa und der Welt im Sinne der Transformation zur Nachhaltigkeit zu kooperieren.

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