9 Euro Ticket – ein Desaster mit Ansage  

Motiviert das 9-Euro-Ticket viele Menschen zu Ausflügen, die sie bisher gar nicht vor hatten, und drängt bisherige Bahnkunden zur Flucht ins eigene Auto? Vor kurzem bin ich von Konstanz am Bodensee nach Halle an der Saale (650 km) mit vier Regionalzügen zum sehr günstigen Preis von 18 Euro gefahren – dafür zwei Stunden länger als mit dem teureren ICE. Ab heute, 1. Juni, könnte ich diese Fahrt mit dem 9 Euro Ticket zum Preis von rechnerisch 30 Cent machen ( 9 Euro durch 30 Tage). Quasi Nulltarif. Deutschlandweit. Eine Superidee für alle, die den Regionalverkehr NICHT kennen, nicht regelmäßig benutzen, die noch nie drei Stunden in einem vollen Zug mit einem einzigen betriebsfähigen Klo gefahren sind. [Redaktioneller Hinweis: Es handelt sich um die aktualisierte Version des Beitrages, der am 9. Mai 2022 auf bruchstuecke erschienen ist.]

Schön wär’s schon (Foto: Didgeman auf Pixabay)
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Die Verfassungs-Schreiner und ihr Sondervermögen

Postplatz Dresden 2019 (Foto; Lupus in Saxonia, wikimedia commons)

Am Abend des 29. Mai einigten sich Regierung und Opposition auf ein gemeinsames Vorgehen zur Verabschiedung des von Kanzler Scholz angekündigten “Sondervermögens zur Stärkung der Bündnis- und Verteidigungsfähigkeit”. Demnach scheint der Weg frei zu sein für eine enorme Aufrüstung der Bundeswehr in den nächsten Jahren. 100 Milliarden Euro soll sie erhalten – zusätzlich zu den im Haushalt vorgesehenen etwa 50 Milliarden jährlich. Olaf Scholz kommentierte die Einigung mit den Worten, dies sei “ein großer Schritt für unser Land”. Ein sehr großer: Im Ergebnis bekommen wir ein Sondervermögen, das kein Vermögen ist, sondern nur so heißt und dessen Unvereinbarkeit mit der geltenden Verfassung dadurch aufgehoben wird, dass es schlicht und einfach ins Grundgesetz hineingestemmt wird.

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Das erstbeste Dutzend. Eine Momentaufnahme des Online-Journalismus

Bild: geralt auf Pixabay

Sonntag, 29. Mai 2022, 16.30h, Gelegenheit, einen Blick auf Zeit-Online zu werfen und anschließend auf Bild-Online. Was hält der Online-Journalismus in diesem Moment für die zwölf wichtigsten Informationen? Momentaufnahmen haben keine analytische Kraft. Wie viel Zufall und wie viel System in dieser Auswahl und Gewichtung stecken – Literatur dazu findet sich zum Beispiel hier. Ein Blitzlicht auf die – ihres Designs und ihrer Illustrationen entkleidete – auflagenstarke Arbeit zweier Redaktionen: Was bieten “Qualitäts”-Journalismus und Boulevard-“Journalismus”, eingeklemmt zwischen professioneller PR, Meinungsgewitter und Unterhaltungsflut der Plattformen, Werbung, Blogs und Kostendruck, als vorrangige Informationen und wichtiges aktuelles Wissen an?

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„Calling you, baby, took my very last dime“  

Intromusik: terrasound.de

An den Abriss einer kleinen Telefonzelle in der Nähe des Times Square, der letzten öffentlichen New Yorks, lassen sich große Fragen stellen. Ist das die Zukunft? Privateigentum über alles. Was für alle da ist, verschwindet, weil jeder seines und jede ihres hat. Und wenn ja, ist das Fortschritt?

Geschrieben und gesprochen von Joe Kerr

Weitere Folgen von ‘Auch das noch!‘ zum Hören gibt es hier, wer nachlesen möchte, findet hier einen monatlichen Rückblick.

Eigentum, Macht, Herrschaft und die Zerstörung der Natur

Bild: suju-Foto auf Pixabay

Gäbe es eine Gesellschaftstheorie, die ihren Gegenstand als Totalität erfassen wollte, die Analytik des Eigentums stünde in ihrem Zentrum. Eine solche Theorie gibt es nicht, nicht einmal mehr im schmerzlichen Bewusstsein ihres Fehlens. Wer heute Soziologie studiert, muss seine Module nach dem Cappuccino-Prinzip komponieren: Viel statistisch-mathematische Formel, plus Rational Choice, plus vielleicht ein bisschen Wirtschaftspsychologie als Milchschaum-Häubchen. Würde er seinen Dozenten nach einer Kritik der politischen Ökonomie fragen, würde der ihn ratlos anschauen. Kritik der was? Was hat Ökonomie, was hat Eigentums- mit Gesellschaftstheorie zu tun?

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Frankreich vor den Parlamentswahlen: Drei Lager formieren sich als Bewegungen

Und jetzt? Ohne Pomp, roten Teppich und die Ode an die Freude ist Emmanuel Macron in seine zweite fünfjährige Amtszeit als französischer Präsident gestartet. Der revolutionäre Hauch, den der ehemalige Investmentbanker und Wirtschaftsminister unter dem Sozialisten Francois Hollande vor Jahren versprach, hat sich verflüchtigt. Seine Bewegung La Republique En Marche (LRM), die unter seiner jupiterhaft genannten Führung die Französinnen und Franzosen frohgesinnt und vereint voranbringen sollte, hat er jetzt (wie bereits bei den Europawahlen) landesweit umtaufen lassen in „Renaissance“. Das klingt nicht nach einem neuen Aufbruch, sondern eher nach einer Wiedergeburt von Altbewährtem, vor allem altbewährten politischen Mitstreiterinnen und Mitstreitern.

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Die Nachdenkseiten, ein Scharnier für Verschwörungsideologie

“The New World Order is the Enemy of Humanity” artwork on Hanbury Street, London -StreetArt. Autor: Bablu Miah auf wikimedia commons

Die Nachdenkseiten (NDS) sind ein bei Gewerkschafts-Linken und in klassisch linken Kreisen einflussreiches und weit verbreitetes Internetportal. Gegründet unter anderem von Albrecht Müller kommt das Projekt von links, hat sich jedoch nach und nach bis heute zu einem Querfront-Medium gewandelt, „das die Bezüge zur radikalen Rechten zwar indirekt aber ganz bewusst herstellt“. Zudem dienten die NDS als „Scharnier für Verschwörungstheorien“. So lauten einige der Befunde, die der Trier Politikwissenschaftler Markus Linden in einem Gutachten präsentiert, das er vor kurzem für das Zentrum Liberale Moderne erstellt hat. Wolfgang Storz führte mit ihm das Interview per Email.

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 Ein Player namens Musk

Intromusik: terrasound.de

Als unlösbares Rätsel präsentiert er sich am liebsten. Aber die Lösung ist ganz einfach: Elon Musk ist ein Spieler. Sein Playground reicht von Texas über Brandenburg bis ins All. Der gegenwärtig reichste Mensch auf Erden ist das weithin sichtbare Symptom fundamentaler Fehlentwicklungen der sozialen Frage und der Machtfrage.

Geschrieben und gesprochen von Joe Kerr

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Ukraine, NATO, Neutralität oder Irrungen und Wirrungen des Klaus von Dohnanyi

Mittwoch, 11. Mai 2022. Maischberger: Ein Zwiegespräch der Gastgeberin mit Klaus von Dohnanyi. Den Hamburger Grandseigneur der deutschen Sozialdemokratie sorgt eine mögliche Ausweitung des Kriegs in der Ukraine. Zwar verurteilt er den russischen Angriff, doch „die Sünde“ des Westens sei es, nicht über den angestrebten NATO-Beitritt der Ukraine verhandelt zu haben — natürlich mit der Bereitschaft, ihn zu verhindern — denn dies sei „das Einzige, was Putin interessiert“. Dohnanyi präsentierte auch sogenannte alternative Fakten. Allein deshalb lohnt ein kritischer Blick auf die Thesen und argumentativen Linien, die der renommierte Sozialdemokrat an diesem Abend ausführlich vertrat. [Der Beitrag knüpft an das Bruch-Stück an “Sachdienliche Hinweise willkommen“.]

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„Es wird für uns schwer sein, weiter zu leben“  

Bewohner von Mariupol im Hof eines durch Beschuss zerstörten Gebäudes, 25. März 2022 (Foto: Alexander Ermochenko/ Reuters/ Forum auf wikimedia commons)

Wir versuchen wieder ein normales Leben zu führen. Ab und zu gibt es noch Alarm. Der Krieg geht ja weiter. Aber hier in Kyjiw und anderen Teilen des Landes ist jetzt ziemlich ruhig. Unsere Armee und unser Kampf haben Erfolg. Ich glaube, dass wir den Krieg bis zum Herbst mit einem Sieg beenden werden. Ich hoffe natürlich früher. Dann wäre ich sehr glücklich.

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Sage mir, wie du dich informierst, und ich sage dir, wie du denkst

300 Fox News-Konsumenten schauten für einen Versuch einen Monat lang CNN – mit deutlichem Effekt. Welches Medium jemand konsumiert, beeinflusst die Meinung dieser Person – und das schon nach erstaunlich kurzer Zeit. Das ist das Ergebnis einer Studie, die zwei Politikwissenschaftler aus Kalifornien durchgeführt haben.

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„Arbeiterklasse“ – der rote Mythos  

Mit der „Arbeiterklasse“ hat „die Linke“ einen Mythos geschaffen, der sie bis heute daran hindert, sich von unserer Gesellschaft ein realistisches Bild zu machen. Außerhalb linker Kommunikation hat „die Arbeiterklasse“ als Akteur nie existiert, als nationaler nicht und als internationaler schon gar nicht. Der groß angekündigte Hauptdarsteller hat die Bühne nie betreten. Sich Trost zu spenden und Illusionen zu machen, dass die große, wenn schon nicht revolutionäre, so doch solidarische Aktion noch kommen wird, ist die linke Lieblingsbeschäftigung; plus die Suche nach Schuldigen dafür, dass die ausbleibt.
Die moderne Gesellschaft funktioniert sozial zutiefst ungerecht und ökologisch katastrophal verantwortungslos, aber eine Klassengesellschaft ist sie nicht. Keinem Arbeiter ist es verboten, kein Arbeiter zu sein. Der Integrationsmodus der Moderne ist nicht die Klasse, sondern die Karriere, der Personen ebenso wie der Organisationen, die gelingende ebenso wie die scheiternde. Karrieren sind ungerecht, weil sie unter ungleichen Voraussetzungen starten und eine sich selbst verstärkende Mechanik haben: Auf dem Weg noch oben verbessern sich die Aussichten, höher zu steigen, auf dem Weg nach unten wächst die Gefahr, tiefer zu sinken. Karrieren fördern Verantwortungslosigkeit, weil jede Person und jede Organisation zuerst die eigene durchzusetzen versucht ohne Rücksicht auf die Folgen für alle(s) andere(n). Die Ideologie sagt, alle hätten ihre Karriere selbst in der Hand, in der Realität entscheiden zu neunzig Prozent andere darüber.

“Krise kann auch geil sein”

Intromusik: terrasound.de

Der kleine Fisch Fynn Kliemann hängt am Haken, ein Einzelfall wird skandalisiert, aber die Sache selbst geht in großem Stil weiter. Wir haben ein Grundsatzproblem, für das Green-, Blue-, Pink-, Redwashing Scheinlösungen sind. Mehr dazu gibt’s zum Beispiel bei fairlier und bei greenpeace – und in diesem Podcast.

Geschrieben und gesprochen von Joe Kerr

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Sachdienliche Hinweise willkommen  

Vice President Joe Biden greets Russian Prime Minister Vladimir Putin at the Russian White House, in Moscow, Russia, March 10, 2011. (Official White House Photo by David Lienemann), wikimedia commons

Es gibt endlos lange Debatten über die Fragen, wie es zum Ukraine-Krieg kam, wie er beendet und wie zwischendrin der Ukraine geholfen werden kann und muss. Dabei stehen sich zwei Erzählungen gegenüber: Russland ist der Aggressor mit einer nationalistisch-großrussischen Vision. Russland ist das Opfer, weil es von den USA, Nato und der EU in strategischer Absicht eingekreist worden ist. Auf Bruchstuecke haben wir beide Narrative präsentiert, es gibt sie noch in zahlreichen Schattierungen. In Präsentation und Austausch dieser Positionen und Meinungen werden von Tages- und Wochenmedien und den Öffentlich-Rechtlichen enorme journalistische Ressourcen investiert. Aber weiß jemand, was Sache ist: wer verhandelt gerade mit wem über was?

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Wunschdenken plus Egoismus plus Antiamerikanismus?  

Mitte April ließ der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verlauten, der deutsche Bundespräsident sei in Kyiw nicht willkommen, man möge bitte den Bundeskanzler schicken. Offenbar wird Frank-Walter Steinmeier als Gesicht einer deutschen Ostpolitik gesehen, die den Überfall Russlands auf die Ukraine erst möglich gemacht hat. Das politische Berlin zeigte sich düpiert, vor allem die SPD, für die Steinmeier als Vordenker und Organisator in Kanzleramt und Auswärtigem Amt gedient hatte. Doch der Normalfall der letzten Jahrzehnte war umgekehrt: Regelmäßig ignorierte Deutschland die Befindlichkeiten seiner osteuropäischen Partner.

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