Corona in der Medienberichterstattung und in der Medienforschung

Als Corona alle anderen Themen aus der Medienberichterstattung verdrängt hatte und allein schon diese Thematisierungs-Monomanie Kommunikationswissenschaftler als kritische Stimmen hätte auf den Plan rufen müssen, gab es für sie kaum eine Chance, sich Gehör zu verschaffen. Nach meinem ersten, allerdings unvollständigen Eindruck ist es immerhin drei Medienforschern trotzdem gelungen, bereits in dieser Berichterstattungsphase der Schockstarre an die breitere Öffentlichkeit durchzudringen: Otfried Jarren, Klaus Meier und Bernhard Pörksen. Das hat die Frage aufgeworfen, wo sich Hunderte weiterer Medien- und Kommunikationsforscher im deutschsprachigen Raum «verstecken», die von den Medien eigentlich gerade jetzt als Quellen zur Einschätzung und Erklärung der Kommunikation rund um Corona genutzt werden sollten.

Pressekonferenz des BMBF und BMG zum Coronavirus / COVID-19 am 09. März 2020 (Foto: BMBF)

In diesem Dossier werden zunächst Beiträge der drei «sichtbaren» Kollegen präsentiert, die meine Sammel-Aktion ausgelöst haben. Dann folgen Links zu Fachkolleginnen und Kollegen, welche die Spannweite der Einlassungen verdeutlichen und belegen, wie wichtig Diskussionsbeiträge von Medienforschern sein können, um die Corona-Kommunikation in ihren Facetten zu verstehen und zu verbessern. Zum Schluss füge ich eine Liste eigener Fragen hinzu, die mehr mediale Aufmerksamkeit verdienen würden.

Das Dossier wird online auch auf der Website des Europäischen Journalismus-Observatoriums publiziert und wird dort auch zugänglich bleiben. Dort finden sich inzwischen auch im «Global Journalism Observatory» Beiträge, die sich mit der Corona-Berichterstattung in aller Welt auseinandersetzen.

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Corona ist gut für die Politik

oder Von der zarten Blüte einer neuen Sachlichkeit

„Man sieht Sachlichkeit am besten, wenn man sie als Erfahrungsvernarbung versteht.“ Oskar Negt / Alexander Kluge: Geschichte und Eigensinn (Foto: Unsplash / Library of Congress)

Zwei der größten Fehlbesetzungen der globalen Politik scheinen sich durch Corona selbst ins Knie zu schießen, so dass sie zu Fall gebracht werden könnten.

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Es gibt keine Verschwörungstheorien

„Jeder kann wütend werden, das ist einfach. Aber wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Maß, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art, das ist schwer.“ Aristoteles (Bild: Wikimedia / Montage: Wüllner)

Seit Jahren wird von Verschwörungstheorien geredet. Das Internet mit seinen Verdummungs-Blasen hat sie vor allem verbreitet.

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Einer Entscheidungssituation die Unsicherheit zu nehmen, ist Freiheitsberaubung

Wissenschaftliche Prophylaxe: Cover des Forschungsmoduls „Expect the unexpected. Theorie und Praxis der Entscheidungs-, Risiko- und Krisenkommunikation“ im Studiengang Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation der Universität der Künste Berlin (UdK) im Wintersemester 1919/20. Weitere Werke der Künstlerin unter www.beatrix-grohmann.de

Aufklärung ist passé, Aufregung angesagt. Unsere Sicherheit, das „Supergrundrecht“, wie es die Ex-Innenminister Schily (SPD) und Friedrich (CSU) nannten, ist in Gefahr. Deshalb werden Grundrechte beschnitten und aufgehoben – „ohne großen gesetzgeberischen Aufwand, mit einem Fingerschnippen der Exekutive quasi“ (Heribert Prantl). Sicherheit, Risiko, Gefahr, Entscheidung, Krise, in diesem dornenreichen Dickicht verheddern sich die Talkmaster der Republik wie Fische im Fangnetz.

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„Es fehlt der Typ der embedded information“

Überzeugt die Arbeit, welche die Medien in dieser einzigartigen Krise leisten? Wir fragten Norbert Schneider, Theologe und Publizist, einst langjähriger Medienmanager und Medienproduzent. Ein Gespräch über mediale Grundversorgung, Experten-Macht, Produktion von oberflächlichen Bildern, eine verhängnisvolle Aufsichts-Politik und die Pflicht zur Fortbildung, per E-Mail geführt von Wolfgang Storz.

Die Exekutive dominiert. Parlamente tagen nicht oder nur teilbesetzt und beschließen in Rekordzeit weitreichendste Maßnahmen. In diesen Zeiten kommt es besonders auf unabhängige Medien, auf selbstbewusste kritische Journalisten an. Konzentrieren wir uns erst auf die öffentlich-rechtlichen Medien: Was machen die jetzt gut?

Schneider: Sie sind omnipräsent. Sie sammeln, sichten und bewerten die relevanten Informationen, die das Publikum braucht für ein Urteil über den aktuellen Stand der Dinge. Sie leisten Grundversorgung, bei allen Schwächen, über die sicher noch zu reden sein wird. Sie sind, wie zuletzt immer in Notsituationen, das Leitmedium, dem weithin Vertrauen geschenkt wird. Das belegen auch die Quoten. 

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Arbeit unter der Regie des Geldes, Leben im Bann der Arbeit

“Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln.”
Karl Marx, Das Kapital, Erstes Kapitel: Die Ware | Foto: Unsplash

Wenn aus Trauer Trauerarbeit wird, eine Liebesbeziehung in Beziehungsarbeit mutiert, sich das Spiel in eine globale Gamesbranche verwandelt und aus dem angenehmen Umstand, dass Menschen sich miteinander unterhalten, eine riesige Unterhaltungsindustrie erwächst – wie hängt das mit Arbeit, Wirtschaft und Kapitalismus zusammen?

Eine essayistische Annäherung an Wirtschaft und Kapital in vier Teilen.

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„Was macht der Journalismus, müsste er bei einem Blackout ohne Energie auskommen?“

Der renommierte Kommunikationswissenschaftler Otfried Jarren sieht kritisch auf die Krisenberichterstattung des öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Diese Analyse, publiziert in epd-Medien, wurde national und international beachtet, kritisch und zustimmend. Zu seinen Vorhalten und den Reaktionen fragten wir Jarren. Das Interview führte Wolfgang Storz.

Was ist im Kern Ihr Vorwurf an die öffentlich-rechtlichen Medien?

Jarren: Es geht nicht um „Vorwürfe“, sondern um Beobachtungen, ihre Ergebnisse und Bewertungen. Diese beziehen sich auf das linear verbreitete Fernsehprogramm, ausschließlich Primetime, und zwar in den ersten fünf Tagen.

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Was soll das?

Warum ich für bruchstücke schreibe.

Immanuel Kant. Porträt von Gottlieb Doebler

Am Ende läuft es auf die alten Fragen hinaus, was können wir wissen, was sollen wir tun, was dürfen wir hoffen. In Krisen drängen sich diese drei Fragen unausweichlich auf, ohne in ruhigen Zeiten gänzlich zu verschwinden. Der Aufklärer Immanuel Kant hat sie am Beginn der Moderne so formuliert. Seine vierte Frage, was ist der Mensch, lasse ich lieber außen vor. Wenn Menschen die Frage beantworten, was der Mensch sei, kommen zu leicht Einbildungen heraus, etwa so wie wenn Donald Trump sagt, wer Donald Trump ist. Noch schlimmer wird es, wenn Frauen sagen, wie Männer sind, und am fürchterlichsten, wenn Männer sagen, wie Frauen sind.

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