Jeder Wahnsinn hat seine Methode: Zur Anziehungskraft des faschistischen Codes

Zwischen uns und anderen zu unterscheiden, ist ein evolutionär tief verankertes soziales Muster. Dass weitrechte Politik mit der binären Unterscheidung „wir gegen die anderen“ operiert und agitiert, gehört zum Allgemeinwissen. Es lohnt sich, bei diesen beiden Feststellungen nicht stehen zu bleiben und etwas genauer hinzuschauen. Die Methode, sich Wirklichkeit mit Hilfe einer standardisierten zweiwertigen Differenz zu erschließen, erfreut sich größerer Beliebtheit. Andere, ganz verschiedenartige Beispiele sind Arbeit und Kapital, Mann und Frau, System und Umwelt, Stadt und Land, Gläubige und Ungläubige. Worin liegt das dämonische Potential von „wir gegen die anderen“, das im Faschismus1, wenn ihm zu wenig Widerstand geleistet wird, die Hölle zum Alltag macht? Und weshalb bekommt das weitrechte „Wir-gegen-die-anderen“ so viel Zulauf?

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Appeasement macht Trump mit jedem Tag gefährlicher

Foto: Michael Vadon auf wikimedia commons

2025 war ein gutes Jahr für Donald Trump – Erfolge auf allen Ebenen. Seine Zollerhöhungen haben entgegen vieler Expertenmeinungen das globale Handelssystem nicht zerstört. Stattdessen füllen sie die Staatskassen der USA. Die Inflation ging nicht durch die Decke. Amerikas Handelspartner tragen, wie er vorausgesagt hatte, mit Preissenkungen einen erheblichen Teil der Kosten. Der Krieg in der Ukraine wird inzwischen vollständig von den Europäern finanziert. Die NATO-Partner haben sich verpflichtet, ihre Verteidigungsausgaben auf fünf Prozent zu erhöhen – und werden reichlich amerikanische Waffen kaufen. Großunternehmen, Medienmagnaten, der Kongress und der Senat sind alle eifrig bemüht, den Willen des Präsidenten zu erfüllen. Bei der Durchsetzung seiner Agenda zeigt Trump wenig Respekt vor US-Recht und gar keinen vor internationalem Recht. Er ist nicht besonders populär, verfolgt seine Ziele jedoch zielstrebig und erfolgreich.

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Schreiben gegen den Wind, auch wenn er nicht lesen kann

Kaum haben wir uns, eher skeptisch als zuversichtlich, ein gutes neues Jahr gewünscht, schon ist manifest geworden: 2026 droht ein schreckliches Jahr zu werden mit Herausforderungen, die wir so seit Jahrzehnten nicht kennen. Das gilt sowohl global als auch national, wobei sich beide Sphären miteinander verschränken. Das Handeln Donald Trumps und Wladimir Putins Agieren sind jeweils für sich und in ihrer Wechselwirkung bedrohlich genug. Die Resonanz, die das in Deutschland angesichts einer eher bedrückenden Regierungstätigkeit auf Bundesebene und der bevorstehenden Landtagswahlen auslöst, kann demokratiegefährdende Konsequenzen haben.

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Ein perplexer Seufzer der Überforderung

„Die rechtliche Einordnung des US-Einsatzes ist komplex“, meinte Bundeskanzler Merz in seinem ersten Kommentar zu Trumps militärischer Sonderaktion in Venezuela. Der Verweis auf Komplexität in der Politik ist nicht falsch, einfach deshalb, weil Politik es grundsätzlich mit unübersichtlichen, oft auf schwer bestimmbare Weise miteinander zusammenhängenden Verhältnissen zu tun hat. Sich hinter Komplexität zu verstecken, erscheint freilich bei Friedrich Merz etwas rührend. War er nur perplex? Bisher fiel er mit der Wahrnehmung von Komplexität eher weniger auf, Trivialität scheint ihm mehr zu liegen.
Nicht klar ist, ob eine und gegebenenfalls welche Botschaft in diesem Verweis auf Komplexität enthalten ist oder ob er nur einen Seufzer der Überforderung darstellt. Ungeachtet dieser Unklarheit möchte ich die Aufmerksamkeit auf eine globale Komplexität lenken, die Politik besonders in den westlichen Demokratien immer schwieriger macht. Westliche Demokratien sehen sich zunehmend mit der Erfahrung konfrontiert, dass die globalpolitische „Restwelt“ – etwa Zweidrittel der Weltbevölkerung – im Konfliktfall nicht auf ihrer Seite steht. Beim Ukrainekrieg war und ist das der Fall, ebenso in den Konflikten im Nahen Osten; es wird auch so sein, wenn China daran geht, sich Taiwan einzuverleiben, und es wird so sein, wenn es darum geht, Lieferketten zu schützen. Trumps Venezuela-Coup beschleunigt und vertieft diese globalpolitische Spaltung.

Die Komplexität des geopolitischen Hintergrundes wird von Zweierlei bestimmt: Zum einen davon, dass die gegenwärtig noch existierende ökonomische und militärische Macht der USA und der westlichen Demokratien letztlich auf der weltweiten Ausbeutung von Menschen und der Zerstörung der globalen Biosphäre beruht; zum anderen, dass in der Gegenwart diese Industrieländer bisher nicht wirklich bereit sind, den Weg der Transformation zur Nachhaltigkeit konsequent einzuschlagen.
Die Bereitschaft, Transformation zur Nachhaltigkeit zu verwirklichen, ist der Kerngedanke der im September 2015 von den 193 Mitgliedsstaaten der UN einstimmig beschlossenen Resolution „Transformation unserer Welt: Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ (kurz Agenda 2030 und SDGs). Dass diese Transformation hochkomplex ist, wird in der Präambel in der Beschreibung des systemischen Zusammenwirkens der „Fünf P“ genannten Politikbereiche (People, Planet, Prosperity, Peace, Partnership) dargestellt.
Dass diese im Jahr 2015 gezeigte Bereitschaft zur Transformation bisher in den westlichen Demokratien nicht wirklich in die Tat umgesetzt wurde – mehr noch, die USA sich inzwischen völlig verweigern und Europa (insbesondere auch die von Merz geführte Bundesregierung) alles tut, um die Agenda 2030 vergessen zu machen –, fällt heute im Widerstand der „Restwelt“ auf diese Demokratien zurück. Europa und Deutschland sollten bei der Bewertung der gegenwärtigen globalpolitischen Verschiebungen die Transformationsagenda wiederentdecken und für deren Verwirklichung dort, wo es auf der Welt noch die Bereitschaft einer Transformation zur Nachhaltigkeit gibt, z. B. in Indien, Brasilien, Südafrika, z. T. auch China, Verbündete suchen.

Für eine Linke, befreit von Religionsallergie, damit es doch noch gut ausgehen kann

Bild: KI generiert

Die beiden vorhergehenden Teile dieses Textes waren der Religionskritik und der Ökonomiekritik gewidmet. Nun will der Traktat gleichsam die Quersumme ziehen. Ginge es um Mathematik, käme beim Ergebnis eines mit negativem Vorzeichen heraus, denn das Resultat des bisher Entwickelten ist ein Mangel. Eine organisationspolitische Strategie ist es, die fehlt. Der Nachweis des Fehlenden kann ein erster Schritt sein, um Abhilfe zu verschaffen. Das wiederum ist die dem Traktat eingeschriebene Hoffnung.

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Täuschen, tarnen, fälschen für Geschäftsinteressen

Blockade Bayer/Monsanto durch Extinction Rebellion in Berlin am 21.01.22 (Foto: Stefan Müller auf wikimedia commons)

Die Bayer AG hat 2018 die Firma Monsanto gekauft, deren bekanntestes Produkt das unter dem Namen „Roundup“ verkaufte Pflanzenschutz- bzw. Pflanzenvernichtungsmittel Glyphosat war. Nicht nur ökologisch Interessierte waren damals erstaunt, weil die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation schon 2015 festgestellt hatte, dass das Mittel „wahrscheinlich krebserregend“ ist. Die Chefetage von Bayer verliess sich auf amtliche Genehmigungsverfahren und Zulassungen in den USA und der Europäischen Union und auf ihren durch wirtschaftliche Macht gestützten politischen Einfluss. In den USA steckt Bayer seit der Übernahme von Monsanto in ungezählten Gerichtsverfahren, von denen etwa 65.000 noch offen sind. Es geht um Entschädigungen von Bauern und anderen Nutzern, die „Roundup“ für ihre Krebserkrankungen verantwortlich machen.

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Regression oder Transformation? Ein neuer Blick auf Informalität

In diesem Beitrag1 mache ich einen Vorschlag, das Konzept von Informalität als einem sozialen Phänomen in einer für die politische Praxis relevanten und zugleich theoretisch gehaltvollen Form zu differenzieren. Dabei werde ich zunächst die Bedeutung von Informalität in der soziologischen Theorie der Gesellschaft und der Organisation erläutern. Sodann werde ich die mit dem Phänomen der Informalität verbundenen politischen Herausforderungen beschreiben und darauf aufbauend drittens die Unterscheidung von regressiver und transformativer Informalität begründen sowie in den Konsequenzen für die politische Praxis erläutern.

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Vom intellektuellen Gestus des Durchblicks

Bild: geralt auf Pixabay

Wie sich Antisemitismus heute zeigt und welche Verantwortung Hochschulen in Forschung, Lehre und akademischer Kultur tragen, waren die Fragestellungen des Workshops „Antisemitismus und Universität“, der im Dezember 2025 an der Bauhaus-Universität Weimar stattfand. Bruchstücke dokumentiert den Vortrag, den Ilse Bindseil in ihrer unverkennbaren Komposition aus Klärung und Selbstaufklärung im Rahmen dieser Veranstaltung hielt. (at)

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Verschwörungstheorien, eine Folge von Status- und Kontrollverlusten

Während der Corona-Pandemie sei ihm schnell klar geworden, „dass die Art und Weise, wie wir über Verschwörungstheorien sprechen, nicht immer die hilfreichste ist. Die Mitglieder der sehr heterogenen Querdenker-Bewegung wurden pauschal als Spinner oder Schwurbler abgewertet“. Die Proteste seien aber zu sehr von außen homogenisiert worden, betont Michael Butter im Interviev mit Thomas Gesterkamp. Butter ist Initiator des EU-Projekts “Comparative Analysis of Conspiracy Theories“. Psychologisch betrachtet, betont er, entstünden Verschwörungstheorien „auf der Basis von Status- und Kontrollverlusten, verursacht etwa durch eine schwere Krankheit oder den Verlust des Arbeitsplatzes, durch das Gefühl, das eigene Leben geht den Bach runter oder wird das bald tun.“ Insofern gehe es um das Bewahren des Sozialstaates oder um Maßnahmen dagegen, dass nicht ganze Landstriche veröden, vor allem im Osten Deutschlands.

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Die Erkenntnis von der wesenhaften Natur

Bild: DimaDim_art auf Pixabay

Eine rationale Weltauffassung verlangt, von einer materialistisch-atheistischen Philosophie Abstand zu nehmen. Das behauptet diese dreiteilige Artikelserie mit Karl Heinz Haag. Der erste Teil war der Religionskritik gewidmet, dieser zweite wendet sich der Ökonomiekritik zu, der dritte wird die Quersumme ziehen und eine organisationspolitische Schlussfolgerung versuchen. Deutlich sollte geworden sein: Der Text verhandelt kein innerphilosophisches, vielleicht für Fachleute interessantes Thema, sondern es geht ihm um die Krise der Gegenwartsgesellschaft. Deren Umwelt ist in einem Maße ramponiert, das den Begriff der Krise wahrlich nahelegt. Die Verheerungen der äußeren Natur, deren Zeuge wir sind, gehen aus der auf Privateigentum und Warenaustausch basierenden Ökonomie hervor. Der Analytiker dieser Kategorien, Karl Marx, war voller Hochachtung für die Rationalität der Naturwissenschaften; sein Hauptwerk wollte er ursprünglich Charles Darwin widmen. Dem Atheismus seiner Frühschriften ist er in seinem reifen ökonomischen Werk treu geblieben. Haags Behauptung „daß es einen Gott gibt,“ hätte er wohl kaum unterschrieben.

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„Politisch völlig undurchsichtig“ steht in den Stasi-Akten

Wäre der Rowohlt-Verlag auf die Idee gekommen, Hans Joachim Schädlichs literarische Kunststücke nicht im festgefügten Nacheinander eines Buches herauszubringen, sondern als Puzzle, so könnten spielerische Naturen sich darauf freuen, die Einzelteile auf einer großen Tischplatte auszuschütten, um die “Bruchstücke“ zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Der 192 Seiten umfassende Band besteht aus 71 kurzen und längeren Texten, die ihren Titel vor allem deshalb verdienen, weil sie von Brüchen handeln. Wo ist der Zusammenhang dessen zu suchen, was nicht den Anspruch hat, etwas Ganzes zu sein, ein vollendetes Werk, ein geschlossenes Sinnbild, ein gelungenes Leben etc.? Das geteilte Deutschland liefert den Zusammenhalt.

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Alarmglocken, Sperrzonen und kampferprobte Bauern

In Frankreich haben die Weihnachtsferien begonnen: Das ist stets ein großer Aufbruch in den Winterurlaub oder zu der Verwandtschaft auf dem Lande. Reibungslos wird die Fahrt diesmal nicht verlaufen. Vor allem im Südwesten des Landes blockieren Bauern mit ihren Traktoren Autobahnen und Nationalstraßen, zünden Strohballen an und kippen Mist vor die Rathäuser: Die Bauern der rechtsradikalen Coordination rurale sind an ihren gelben Mützen zu erkennen, die der linksextremen Confédération paysanne („Wir lassen uns nicht unterkriegen!“) an den Klassenparolen. Um was aber geht es in diesen Tagen?

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Die Brandmauer steht oder die Union geht unter

Fünf Landtags- und drei Kommunalwahlen machen 2026 zu einem wahlkampf-intensiven Jahr, in dem die Suche nach regierungsfähigen Koalitionen anstrengend werden dürfte. Die Brandmauer werde Bestand haben, glaubt Klaus Lang, „es sei denn, die CDU lässt sich in einem Akt der Selbstzerstörung auf eine wie auch immer geartete Kooperation mit der AfD ein.“ Die beiden Wege seien klar vorgezeichnet, sagt Lang im Interview mit Wolfgang Storz: Die Unionsparteien finden sich zu demokratischen Allianzen bereit oder sie werden „wegen einer Kumpanei mit einer anerkannt rechtsextremen, völkischen und antichristlichen AfD“ ihre Erfolgsgeschichte als Volkspartei verraten, ihr Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verändern und den Boden unter den Füßen verlieren.

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Ein frommer Wunsch? Aber nur so könnte es einen Neuanfang geben

Foto: Jaber Jehad Badwan auf wikimedia commons

Es ist ein bewegendes Zeugnis: „Gaza brach vor unseren Augen zusammen. Ganze Städte wurden dem Erdboden gleichgemacht. Straßen verschwanden. Wahrzeichen wurden zu Staub. Ich kochte über offenem Feuer. Ich trug Wasser in Eimern. Manchmal benutzten wir Meerwasser. Manchmal hatten wir gar nichts. Jeden Tag wachte ich auf und überlegte, wie ich es bis zum nächsten Tag schaffen könnte. Wir hatten keinen Strom. Kein Gas. Kein Internet. Nur Dunkelheit“ (SZ, 17.10.2025). Yara, 18, und Tareq, 17, klagen an, man habe ihnen die Menschenwürde genommen und fragen, was sie falsch gemacht hätten, um dieses Schicksal zu verdienen. Gaza werde dämonisiert, dabei habe es auch dort ein buntes Leben gegeben, Strände mit weichem Sand, Boote am Kai, Märkte, Buchläden, lärmende Familien, nächtliche Sterne, Stille, in der man das Meeresrauschen hören konnte. Heute sei der Gazastreifen ein Friedhof mit wandelnden Schatten.

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