Der Tag der Arbeit steht vor der Tür und so recht mag ihn außer seinen traditionellen Protagonisten niemand herein lassen. Die Idee, es komme darauf an, die Arbeitsbedingungen zu verändern, damit viele Leute mehr vom Leben haben, ergreift die Massen nicht mehr. Der Mainstream meint, besser gehen soll es vor allem denen, die sich selbst optimieren.
Vom Faszinosum zur Routine oder Wie realisierte Phantasien ihren Zauber verlieren

Marxisten interessieren sich für Veränderungen der Produktions-, Systemtheoretiker mehr für die Entwicklung der Kommunikationsverhältnisse. Einigen können sich beide vielleicht darauf, dass die Antriebskräfte für die Expansion der Videokonferenzen ökonomische sind, auch wenn der akutelle Anstoß aus dem Gesundheitssystem kommt. Dienstreisen kosten Zeit und Geld. Aber Dienstreisen bedeuten auch Nähe zum Markt, Unmittelbarkeit der Kunden und als Beigabe, sich durch Abwesenheit der Kontrolle der Zentrale und des Büros entziehen zu können. Nicht zu vergessen diese Art persönlicher Anwesenheit, die das Selbstwertgefühl bestätigt: ohne mich geht es nicht; schon dafür lohnt es, sich für eine einstündige Konferenz in den Zug oder ein Flugzeug zu setzen. Trotzdem, Videokonferenzen ersparen Zeit, Geld und Umweltbelastungen, haben aber auch Nebenwirkungen, die nicht in der Packungsbeilage stehen.
Weiterlesen →(KW16) Der Unterschätzte – Die Überschätzte
Bilder: Olaf Kosinsky (kosinsky.eu)| CC BY-SA 3.0-de | Intromusik: terrasound.de
Nach dramatischem Duell und perfekter Inszenierung: Welche Chancen hat die zerrissene Union und wie lange werden sich die Grünen an ihrer Spitzenfrau erfreuen? Der Bundestagswahlkampf ist eröffnet. Es diskutieren: Horand Knaup und Wolfgang Storz.
Fundstücke der Woche:
1. Fledermausdiplomatie
2. „Geld spielt keine Rolle mehr“
FAZ-Aufklärung als Puzzle: An der Goldgrube 12, 55131 Mainz

20. April: An einem Tag wie diesem, am nächsten in Ruhe nachgelesen, ist die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) fast unschlagbar. Aufklärung über Pharmapreise, das asoziale Virus auf mindestens drei Seiten. Wir erinnern uns an die Sprüche, das Virus gefährde gesundheitlich alle gleich, sei über alle Klassen erhaben. Böse Viren dringen ohne Rücksicht auf (Konto-)Stand und Status in jeden Rachen — das leuchtet doch ein! Und wer liest in solchen aufgeregten Zeiten schon bei Fernand Braudel (1902-1985), Historiker, nach, wie es wirklich ist: „Sobald sich die Seuche ankündigt, brechen die Reichen Hals über Kopf nach ihren Landgütern auf; jeder denkt nur noch an sich.“ Nun war an diesem oben genannten denkwürdigen Tag ausgerechnet in der FAZ nachzulesen, wie recht Braudel hat.
Weiterlesen →(Immobilien-)Eigentum verpflichtet – sich zu vermehren?

Söders rechtspopulistischer Kern, jederzeit aktivierbar

Der Polit-Tatort ist vorbei. Sonntag, 18. 4., 21.03 Uhr, Tagesschau24. Moderator an Korrespondentin: Wir haben gehört, Söder ist nach Berlin geflogen. Was hat das zu sagen? Korrespondentin an Moderator: Haben wir auch gehört. Das hätten wir ihn gerne gefragt. Aber wir suchen ihn noch. Auch Spiegel-Online beteiligt sich an der Fahndung: „Laschet-Limousinen gesichtet“.
Abspann, die Spannung weicht. Bleibt was? Dieses unser Land hat der Union für das zu danken, was sie in den vergangenen kurzweiligen Tagen zerstörte, an den Tag beförderte und in Gang setzte; während die alternativen Grünen mit ihrer höfischen Kandidatenkür die Republik sedierten.
Illusionen von Ort- und Zeitlosigkeit

Videokonferenzen sind zu einer wichtigen Verbindung zur Außenwelt geworden, sie versammeln Menschen über große Entfernungen hinweg. Die Technologie war schon länger vorhanden, war aber nicht konsequent genutzt worden. Viele Führungskräfte wollten ihre Mitarbeiter:innen um (und unter) sich haben. Erst seit der Corona-Pandemie finden digitale Alternativen zur Kooperation mit „physisch präsenten“ Menschen breite Anwendung. Inzwischen hat die Bundesregierung die Unternehmen aufgefordert, ihren Beschäftigten die Möglichkeit des Homeoffice und der Kommunikation durch Videokonferenzen einzuräumen.
Vor 50 Jahren wurde die dreieinhalbstündige Reise von Paris nach New York im Überschall-Passagierflugzeug Concorde damit beworben, dass sie „den Atlantik verschwinden“ lasse. Was lassen Videokonferenzen verschwinden?
Die Kandidatenkür, ein Totalschaden

Der Boulevard brachte es kurz und knapp auf den Punkt. Es war Dienstag Nachmittag, die Sitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion hatte gerade begonnen, da titelte die Online-Version der BILD-Zeitung: „Showdown im Reichstag – Der wichtigste Machtkampf des Jahres“. Tatsächlich trug sich zur gleichen Zeit im Bundestag ein Spektakel zu, wie es auch das trubelgeübte Berlin nur selten erlebt. In der Sitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion prallten die Fangruppen der Kanzleramtsaspiranten Markus Söder und Armin Laschet so heftig aufeinander, dass der badische Abgeordnete Olaf Gutting entnervt twitterte: „Spielt Mikado oder Russisch Roulette! Aber einigt euch!“ Später löschte er seinen Tweet wieder.
Weiterlesen →Was unsere Ohnmacht ihnen schenken kann, das Gedächtnis

Vor 76 Jahren, am 18. April 1945, wurde das KZ-Sachsenhausen von der voranrückenden Roten Armee befreit. Studierende der Filmuniversität Babelsberg haben in Zusammenarbeit mit dem Autor und Regisseur Alfred Behrens ein Hörstück produziert, das Erinnerung und Erklärung mit der Ermahnung verbindet, die aktuellen Tendenzen nicht zu übersehen, die in einen neuen Faschismus hineinzutreiben drohen.
Das Kulturradio des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) hat das Hörstück mehrfach ausgestrahlt. Auf rbb-online kann man die Sendung nachhören. Ein Gespräch zum Hörspiel steht hier auf youtube. Auf der Website der Gedenkstätte Sachsenhausen ist das Stück in einer erweiterten fünfteiligen Version abrufbar. Im Folgenden einige Textauszüge.
Weiterlesen →Scheinzwerge, durch die Maschen des Lieferkettengesetzes schlüpfend

Ein Beweggrund für das deutsche, nun verabschiedete Lieferkettengesetz liegt in Bangladesch. In der dortigen Textilindustrie stürzten Fabriken ein und begruben die Arbeiterinnen unter sich. Dort brannten Fabriken ab, und die Näherinnen fanden alle Fluchtwege verschlossen. Im letzten Jahrzehnt starben etwa 1.300 Menschen in der pakistanischen Textilindustrie. Wer kommandiert diese Industrie; ist es korrekt, sie als pakistanisch zu bezeichnen?
Weiterlesen →Gewalt, Befreiung, Umbrüche

Hätte, hätte, Lieferkette

Wenn Mundschutzmasken fehlen und ein Centprodukt zum Luxusartikel mutiert, der auf den Weltmärkten mit harten Bandagen erkämpft werden muss, stellt sich die Frage: Wieso hat die hiesige Medizin- und Pharmabranche keine Zellstoffproduktion zu bieten. Die rhetorische Frage kommt der Aufforderung gleich, solche dringend notwendigen Produkte und Vorprodukte doch im eigenen Land herzustellen. Um beim Zellstoff zu bleiben: Die Region um das bayrische Hof war einmal ein Zentrum dieser Produktion, aber den Großen der Branche, den Brauns und Hartmanns, waren die dort gezahlten Löhne zu hoch, also hat man das Ganze nach China verlagert. In der Debatte um eine Neuordnung der Lieferketten – das Bundeskabinett hat Anfang März 2021 einen Gesetzentwurf verabschiedet – steht ein weißer Elefant im Raum: die Verlagerungspraxis der Unternehmen. Sie ist deren Renditeerwartung geschuldet, und wer der Neuordnung das Wort redet, darf nicht verschweigen, wie er es mit dem Outsourcing hält.
Weiterlesen →„Indianerhäuptling“ – ein schändlich diskriminierender Ausdruck?

„Das Überziehen des Richtigen kann zum Falschen führen!“ ist der Titel eines Aufrufs, der im linken und grünen Spektrum kursiert und sich gegen eine Tendenz richtet, die einen Höhepunkt auf dem kürzlichen Parteitag der Berliner Grünen hatte. Deren Bürgermeisterkandidatin Bettina Jarasch hatte von ihrem Kindheitswunsch „Indianerhäuptling“ gesprochen. Dies löste eine Empörungswelle bei einem Teil der Grünen aus. „Indianer“ sei ein diskriminierender, migrantenfeindlicher Ausdruck. Wie reagierte Bettina Jarasch? Sie entschuldigte sich zutiefst für ihre Formulierung und gelobte Besserung. Das erinnert an stalinistische Unterwerfungs-Rituale.
Weiterlesen →(N°12) Die Pandemie ist erst der Anfang
Intromusik von terrasound.de
Die UN hat 2015 einstimmig die Agenda 2030 beschlossen. Nicht viele kennen sie, noch weniger orientieren sich an ihr. Dabei ist sie der Fahrplan, nach dem sich die Weltgesellschaft wegen Pandemien, Klimakatastrophe und sozialer Spaltung aus eigener Kraft umkrempeln soll. Mit einschneidenden Folgen für den Alltag eines jeden.
Horand Knaup und Wolfgang Storz im Gespräch mit Thomas Weber, dem Mister Nachhaltigkeit im Berliner Regierungsviertel, über das Notwendige und fast Unmögliche.
Ein 1jähriges Kind seiner Zeit feiert Geburtstag

Dich hat niemand gefragt, du hast hier nichts zu sagen, so wird unaufgefordertes Dazwischenreden zurecht- und zurückgewiesen. Bruchstücke, das Blog für konstruktive Radikalität, redet seit genau einem Jahr ungefragt dazwischen. Es war ein Corona-Krisenjahr; wenn niemand etwas Genaues weiß, haben alle etwas zu sagen, bruchstücke auch. Erst einmal sagen wir danke, unseren Autor:innen, unseren Leser:innen und Hörer:innen; und dann versprechen wir uns als Team, die Wundertüte, die dieses Blog sein will, weiter zu füllen – jede Autorin auf ihre, jeder Autor auf seine Weise. „Immer steht irgendjemand mit wirren Haaren auf und weiß, wie die Welt zu richten ist“, sagt Peter Fuchs mit skeptischer Vernunft. Wir stimmen ihm zu, schon weil wir mehrheitlich keine wirren Haare haben, aber wir halten es auch mit Georg Christoph Lichtenberg: „Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll.“ Mit dieser Haltung gingen wir an den Start. Heute sind wir 166 Beiträge, 30 Podcasts und 211 Kommentare weiter. Als Geburtstagsständchen wünschen wir uns das Kinderlied „Wir werden immer größer, jeden Tag ein Stück. Große bleiben gleich groß oder schrumpfen ein. Wir werden immer größer.“

