Das Internet steht seit langem unter Beschuss von Kritikern. Es soll eine „Wüste“ (Clifford Stoll) geworden sein. Es soll von wenigen Konzernen beherrscht sein. Es soll seinen ursprünglichen Visionen untreu geworden sein.Das Internet scheint eher ein Dschungel als eine Wüste zu sein. Es wird in der Tat von wenigen Konzernen beherrscht. Und bei den Visionen ist die Frage, ob diese in der Frühphase des Web auf realistischen Optionen basierten.
Stefan Münz, Informatiker-Urgestein und Verfasser des ehedem wohl meistverbreiteten Leitfadens zum Basteln von Websites auf Basis von HTML, bezeichnete Facebook, Google & Co. als „Sargnägel für das Internet“. Im Spiegel-Interview klagt er, die Grundidee des Internets gehe verloren. Sind fatalistische Einschätzungen berechtigt?
Nachrichtenjournalismus und die Sicherung der digitalen Öffentlichkeit

(Foto: Wittilama / Wikimedia Commons)
Nachricht und Kontext
Viele Journalistinnen und Journalisten sehen in der Nachricht das zentrale und wichtigste Produkt ihres Geschäfts. Schnell, präzise, nüchtern und neutral hilft sie dem Publikum, im Weltgeschehen auf dem Laufenden zu bleiben. Morgens, zum Einstieg in den Tag, abends, als sein Résumé, und dazwischen gelegentlich im Alarmmodus, wenn sich etwas Besonderes ereignet hat – der Fluss der Nachrichten fordert immer wieder unsere Aufmerksamkeit und belohnt uns dafür mit der Chance, informiert an einer gemeinsamen Öffentlichkeit teilzuhaben.
Weiterlesen →Auf Wunder ist nicht zu hoffen

Appelle erreichen die Einverstandenen. Bei allen anderen, so wird jeder Psychologe bestätigen, helfen sie nicht. Der Appell spricht nur die an, die kommunikativ eh über die passend sensiblen Synapsen verfügen, denn er ähnelt nun mal der Predigt. Die Rhetorik der Predigt hat ihre Berechtigung vor gefestigten Gemeinden mit anschließender kollektiver Buße oder gerechtigkeits-erregter Steinigung eines Ungläubigen. Sozialgeschichtlich müsste die Predigt als Kommunikationsform erledigt sein. Sie ist den Verwicklungen heutigen sozialen Geschehens nicht gewachsen: Auch die Alarmglocken, die sie läuten lässt, und der Nachhaltigkeits-Weihrauch, den sie verstreut, retten die politische Predigt nicht. Zunächst ein historisches Ratespiel.
Weiterlesen →Die Corona-Pandemie und die Agenda 2030

Nachhaltigkeit ist die einzige politische Perspektive und Orientierung der Weltgemeinschaft für die kommenden Monate und Jahre. Neun politische Thesen:
Weiterlesen →Konjunkturpaket: Wie ein Taschentuch für den Glaspalast

Wer sich mit Klima, Natur und Umwelt beschäftigt, der taucht auch tief in die Viruskrise hinein. Denn es gibt viele Parallelen, aber auch klare Unterschiede. Während das Coronavirus unerwartet kam, trifft das Gegenteil auf die Klima- und Umweltproblematik zu: Wir leben im Anthropozän und wissen das auch mehrheitlich. Und dennoch besteht ein eklatanter Zusammenhang zwischen der Ausbreitung des Virus und der ökologischen Problematik: Beides sind primär soziale Sachverhalte.
Weiterlesen →Neues vom Narrenschiff
Der deutsche Fotograf und Journalist Janko Puls lebt mit seiner Frau seit 2006 im East Village in Manhattan. In einem langen, leidenschaftlichen Brief, den er am 02. Juni 2020 verfasst und an seine Freunde geschickt hat, schildert er das Leben inmitten der aktuellen Unruhen, unter Corona, unter Donald Trump, in einer Stadt und einem Land, die er liebt, und die ihn zur Verzweiflung treiben. Mit seinem Einverständnis dokumentieren wir den lesenswerten Text und bieten ihn als edition bruchstuecke #1 auch als pdf zum Download an.

(Foto: David Shankbone / flickr)
New York City, 02. Juni 2020
Es ist still draußen. Ich sitze mitten in Manhattan, New York City, NY, an meinem Schreibtisch am Fenster, mit Blick auf den grünen Hinterhof und die Fenster der tenement buildings im nächsten Block. Ich höre gerade nur ein paar Vögel zwitschern. Keine Autos. Keine Stimmen, keine Flugzeuge, keine Hubschrauber. Aber ich weiß, dass das die Ruhe vor dem nächsten Sturm ist. Ein Moment der Sammlung im Auge eines Orkans.
Weiterlesen →Edle Ziele, doch wo ist der Weg?

Der persönliche PKW ist ökologisch gesehen ein Anachronismus. Private Autos stehen absolut mehrheitlich dumm in den Städten herum. Ein integriertes öffentliches Verkehrssystem vom selbstfahrenden Taxi bis zum ICE ist zukunftsweisend. Ja. Aber! Wo finden sich die genauen Wege?
Oder mit den Worten des geschätzten Soziologen Armin Nassehi:
„Das Problem ist, dass wir nur noch Ziele haben. Ziele formulieren kann jeder. Ich habe kürzlich einen Vortrag vor den versammelten deutschsprachigen Klimaforschern gehalten, 400 Leute, die sagten, dass sie den Politikern immer erklärten: Ihr müsst den CO-Ausstoß um soundsoviel Prozent senken oder auf diese oder jene Technologie setzen. Und die unterschreiben dann Klimaschutzziele, teilweise mit bestem Wissen und Gewissen – aber es gelingt schon deshalb nicht, weil man das Ziel bereits für den Weg hält. Wer ein genaues Ziel vorgibt, scheitert womöglich daran, dass das Ziel schon wie die Lösung aussieht. Dabei ist es der Weg dorthin, um den es geht.“ (taz, 19.06.2019)
Als die IG Metall das Auto noch nicht liebte

VW, Daimler, BMW und ihresgleichen haben bisher vom Steuerzahler fast alles erhalten, standen sie doch für d i e Leitbranche der deutschen Wirtschaft. Der IG Metall, Deutschlands größter Gewerkschaft, kam das gelegen. Die Konzerne konnten es sich sogar erlauben, jahrelang technisch-innovatorisch nicht vorne, lediglich im Betrügen Spitze zu sein — das ist jetzt beendet. Im Kampf um eine neuerliche generelle Kaufprämie, faktisch: Abwrackprämie, haben sie jüngst eine Niederlage erlitten, die sie als historisch empfinden müssen. Dass dieser Abstieg — gestern noch Leitbranche, heute eine unter anderen — gravierende Folgen haben wird, auch für die Arbeitsplätze, ist klar; vor allem in Anbetracht erheblicher Überkapazitäten. Was tun? Wollten sie das Beste für die Arbeitsplätze und sich geplant (nicht zufällig, chaotisch) in eine gute Zukunft retten, würden sie spätestens jetzt alles daran setzen, ihre Auto- zu einer Mobilitätsindustrie umzubauen. Aber was tun sie stattdessen? Konzerne und Gewerkschaft rennen weiter Schulter an Schulter in ihre Sackgasse der individuellen Mobilität hinein. Tragisch ist diese Mut- und Ideenlosigkeit vor allem für die IG Metall. Denn die war in den 1990er Jahren unter ihrem legendären Vorsitzenden Franz Steinkühler schon einmal viel weiter.
Weiterlesen →Die Uni aus der Ferne. Über Hürden telematischen Studierens

Die sorgsame Glättung meiner Bettdecke auf dem Überzug, um unschönes Hervorlugen zu vermeiden, ein halbherziges Aufschütteln der Kissen und finales Drapieren sind Bestandteile meiner morgendlichen Routine geworden. Ein aufgewühltes Bett würde meinen Video-Background ruinieren.
Weiterlesen →Konsumglück mit Frustgarantie als Krisenlösung

Ça va? How are you? Wie geht’s? Am liebsten gut, muss ja, geht so, beschissen wäre geprahlt, bestens, danke gut und wie geht’s dir? Witzig, routinemäßig, resigniert, jede Antwort ist möglich, in nicht zu überbietender Bestform lautet sie: Ich bin glücklich! Mehr kannst du nicht wollen als – Glück. Unzählige Lieder und Gedichte, Romane und Filme, Studien und Ratgeber beschwören es. Dass die Menschen schon auf Erden glücklich sein sollen, ist eine ziemlich junge Idee. Sie ist genau so alt wie das ständige Krisengerede. Krise undGlück haben dieselbe Wurzel, das Unerwartete, und denselben Widersacher, den modernen Machbarkeitswahn. Zum Konjunkturpaket geschnürt, liefert er Konsumglück mit Frustgarantie als Krisenlösung.
Weiterlesen →Das Geld, das Auto, die Arbeit
Wie ein gigantisches Förderprogramm wenige Gewinner
und einige Verlierer produziert

Aston Martin Rapide e
Preis: 275.000 Euro
Beschleunigug: 4,0 s/100 km/h
Höchstgeschwindigkeit: 248 km/h
Leistung: 612 PS
Reichweite: 320 km
Geld regiert die Welt und Deutschland. Hat die Regierung das Geld, kann sie besser regieren. Die deutsche Regierung hat 130 Milliarden Euro eingesammelt. Das liegt nun nicht etwa in Tresoren unter dem Bundeskanzleramt (obwohl das ja wie ein futuristisches Fort Knox aussieht), sondern ist virtuelles Geld.
Weiterlesen →Ein großer Wumm, ein leiser Plopp, ein verzagtes Wimmern
Der große Wumm der Großen Koalition ist ein finanziell groß angelegter Versuch, der Bundesrepublik die Rückkehr in den Präpandemie-Alltag zu erleichtern. Der große Wumm ist ein leiser Plopp, gemessen an dem „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“, den der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) im Jahr 2011 vorgestellt hat. Der große Wumm ist ein verzagtes Wimmern im Angesicht der Forderungen, die Coronakrise als eine Zäsur zu begreifen, das gesellschaftliche Leben auf der Erde im Sinne der Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen und der Pariser Klimaschutzziele weiter zu entwickeln.
Umso wichtiger wird es, die Debatte darüber nicht einschlafen zu lassen, was programmatisch-konzeptionell und strategisch-praktisch aus der Krise gelernt werden kann für die ökologische Verteidigung der natürlichen Lebensgrundlagen und für den feministischen Angriff auf das herrschende Geschlechterverhältnis. Zwei Blogs, in die es sich in diesem Zusammenhang lohnt, immer wieder mal hineinzuschauen: Corona & Society des Progressiven Zentrums Berlin und Kultur/Reflexion der Universität Witten/Herdecke.
Trumps Politik lebt von der Eskalation

„Sollen wir wirklich glauben, dass Trump und sein Apparat eines Tages bereit sein werden, die politische Macht freiwillig wieder abzugeben? Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Trump-Regierung die USA in den kommenden Jahren stattdessen in eine Art Bürgerkrieg hineinführen wird.“ Im April 2017 veröffentlichte die Wirtschaftszeitung OXI ein Interview mit dem Soziologen Sighard Neckel über Rolle und Wirken von rechten Populisten in kapitalistisch verfaßten Demokratien. Sighard Neckel ist Professor für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel an der Universität Hamburg. Er antwortete damals, vor rund drei Jahren, auf Fragen, wie gefährlich und mächtig rechte Populisten sind.
Weiterlesen →Über Himbeereis, Krise und Normalität

Sobald ein neues Wort im allgemeinen Sprachgebrauch auftaucht, ist ein Unterschied wichtig geworden, der vorher keine Rolle spielte oder gar nicht wahrgenommen wurde. Sagt jemand Himbeereis, weiß ich sofort Zweierlei: Erstens es gibt noch anderes Eis, zweitens es gibt auch noch etwas anderes als Eis; welches Andere gemeint ist, kann erst einmal offen bleiben. Ist von Krise die Rede, wird der Unterschied gerne Normalität genannt. Allerdings behaupten kluge Leute, seit dem 18. Jahrhundert, also seit wir „in der Moderne“ leben, seien Krisen normal. Das spräche dafür, dass die Normalität in der Krise ist. Ein Versuch zu sortieren.
Weiterlesen →Wohin treibt die Gesellschaft? Drei „Post-Corona-Szenarien“
Unter den unmittelbaren Eindrücken der Coronakrise sind nach einer repräsentativen Umfrage zwei Drittel der Bevölkerung der Ansicht, dass danach „nichts mehr so sein wird, wie es war“. Wohin wird sich unsere Gesellschaft aufgrund der Krisenerfahrungen entwickeln? Aus den öffentlichen Diskussionen in Print- und Online-Medien lassen sich drei Szenarien herausfiltern, wie es in den kommenden zwei bis drei Jahren weiter gehen könnte: Staatliche Autorität und nationale Autarkie werden gestärkt oder die neoliberalen Trends beschleunigen sich oder es findet ein Paradigmenwechsel statt hin zu einer sozial-ökologischen Transformation.
Die detaillierte Diskursanalyse mit ausführlichen Belegen kann hier abgerufen werden; dabei wird auch dargestellt, inwieweit jedes dieser Szenarien in verschiedenen sozialen Milieus anschlussfähig ist. Der folgende Text fasst Grundtendenzen der drei Szenarien zusammen, wie sie sich in Appellen und Forderungen, Hoffnungen oder Befürchtungen widerspiegeln.
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