Der große Wumm der Großen Koalition ist ein finanziell groß angelegter Versuch, der Bundesrepublik die Rückkehr in den Präpandemie-Alltag zu erleichtern. Der große Wumm ist ein leiser Plopp, gemessen an dem „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“, den der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) im Jahr 2011 vorgestellt hat. Der große Wumm ist ein verzagtes Wimmern im Angesicht der Forderungen, die Coronakrise als eine Zäsur zu begreifen, das gesellschaftliche Leben auf der Erde im Sinne der Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen und der Pariser Klimaschutzziele weiter zu entwickeln.
Umso wichtiger wird es, die Debatte darüber nicht einschlafen zu lassen, was programmatisch-konzeptionell und strategisch-praktisch aus der Krise gelernt werden kann für die ökologische Verteidigung der natürlichen Lebensgrundlagen und für den feministischen Angriff auf das herrschende Geschlechterverhältnis. Zwei Blogs, in die es sich in diesem Zusammenhang lohnt, immer wieder mal hineinzuschauen: Corona & Society des Progressiven Zentrums Berlin und Kultur/Reflexion der Universität Witten/Herdecke.
Trumps Politik lebt von der Eskalation

„Sollen wir wirklich glauben, dass Trump und sein Apparat eines Tages bereit sein werden, die politische Macht freiwillig wieder abzugeben? Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Trump-Regierung die USA in den kommenden Jahren stattdessen in eine Art Bürgerkrieg hineinführen wird.“ Im April 2017 veröffentlichte die Wirtschaftszeitung OXI ein Interview mit dem Soziologen Sighard Neckel über Rolle und Wirken von rechten Populisten in kapitalistisch verfaßten Demokratien. Sighard Neckel ist Professor für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel an der Universität Hamburg. Er antwortete damals, vor rund drei Jahren, auf Fragen, wie gefährlich und mächtig rechte Populisten sind.
Weiterlesen →Über Himbeereis, Krise und Normalität

Sobald ein neues Wort im allgemeinen Sprachgebrauch auftaucht, ist ein Unterschied wichtig geworden, der vorher keine Rolle spielte oder gar nicht wahrgenommen wurde. Sagt jemand Himbeereis, weiß ich sofort Zweierlei: Erstens es gibt noch anderes Eis, zweitens es gibt auch noch etwas anderes als Eis; welches Andere gemeint ist, kann erst einmal offen bleiben. Ist von Krise die Rede, wird der Unterschied gerne Normalität genannt. Allerdings behaupten kluge Leute, seit dem 18. Jahrhundert, also seit wir „in der Moderne“ leben, seien Krisen normal. Das spräche dafür, dass die Normalität in der Krise ist. Ein Versuch zu sortieren.
Weiterlesen →Wohin treibt die Gesellschaft? Drei „Post-Corona-Szenarien“
Unter den unmittelbaren Eindrücken der Coronakrise sind nach einer repräsentativen Umfrage zwei Drittel der Bevölkerung der Ansicht, dass danach „nichts mehr so sein wird, wie es war“. Wohin wird sich unsere Gesellschaft aufgrund der Krisenerfahrungen entwickeln? Aus den öffentlichen Diskussionen in Print- und Online-Medien lassen sich drei Szenarien herausfiltern, wie es in den kommenden zwei bis drei Jahren weiter gehen könnte: Staatliche Autorität und nationale Autarkie werden gestärkt oder die neoliberalen Trends beschleunigen sich oder es findet ein Paradigmenwechsel statt hin zu einer sozial-ökologischen Transformation.
Die detaillierte Diskursanalyse mit ausführlichen Belegen kann hier abgerufen werden; dabei wird auch dargestellt, inwieweit jedes dieser Szenarien in verschiedenen sozialen Milieus anschlussfähig ist. Der folgende Text fasst Grundtendenzen der drei Szenarien zusammen, wie sie sich in Appellen und Forderungen, Hoffnungen oder Befürchtungen widerspiegeln.
Weiterlesen →Marketing ist ein Gespräch, kein Monolog der Anbieter
Krankenhäuser, die wie Industriebetriebe nach betriebswirtschaftlichen Kriterien geführt werden, stehen in der Kritik. Doch was ist eigentlich schlecht an Industrie und Betriebswirtschaftslehre außer den gängigen Vorurteilen gegenüber der Wirtschaft? Ein zeitgemäßes Marketingverständnis verfolgt das, was Medizin und Politik auch propagieren – der Mensch, nicht das Wirtschaftsgut, steht im Mittelpunkt. Allerdings fördert die Rolle der Medizin, so wie sie in der Coronakrise dargestellt wird, auch die Vorstellung, es gäbe für jede Krankheit eine richtige Behandlung, Medikation bzw. Geräte, die die Gesundheit wie in einer Autowerkstatt wiederherstellen könnten: vorfahren, wegfahren, glücklich sein.
Weiterlesen →Ping-Pong der Extreme in der Pandemie
Dieser Text ist nur für diejenigen interessant, die die sogenannten Hygiene-Demos als Problem und Gefahr sehen; die es für möglich halten, dass sich eine Massenbewegung entwickelt, weit über Verschwörungsprediger und Rechtsextreme hinaus. Meine Annahme: Bei gesellschaftlichen Polarisierungen wie jetzt in der Corona-Krise findet ein Ping-Pong zwischen den Extrempositionenen statt: Nicht nur Sachaussagen und Forderungen schaukeln sich gegenseitig hoch, es potenziert sich auch die Empörung über unausgesprochene Haltungen der Gegenseite, die ich als Aura von Positionen bezeichne. Denn um Sachaussagen herum baut sich eine atmosphärische Aura auf, die politisch wirksam wird. Wer eine „Hygiene-Rebellion“ verhindern will, muss positive Perspektiven bieten.
Weiterlesen →Ein Prachtstück politischer Aufklärung

Politische Führung im selbstgerecht-fanatischen Freund-Feind-Modus macht aus Krisen Katastrophen. Wer es nicht gesehen hat, sollte sich 43 Minuten Zeit nehmen und es mit Hilfe der ZDF-Mediathek nachholen: „Der Unverantwortliche. Trump und die Corona-Krise“. ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen hat interne Dokumente aus dem Beraterstab des US-Präsidenten ausgewertet, lässt Experten zu Wort kommen, zeichnet Stellungnahmen und Handlungsweisen des US-Präsidenten nach vom Ausbruch der Pandemie in China im November 2019 bis in die jüngsten Tage (Ende Mai 2020).
Weiterlesen →Sind Virenzeiten Roboter-Zeiten?

Wenn in diesen Monaten das Virus (sogar) Deutschland in die Digitalisierung treibt, dann geht es um mehr als um E-Learning an Schulen und Hochschulen oder Video-Beratungen anstelle von Geschäftsreisen. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Dalia Marin, Technische Universität München, stärkt seit Wochen die These, die deutsche Industrie werde auch Teile ihrer Produktion in die Heimat zurückholen, sei doch „die Ära der Hyperglobalisierung … beendet.“ Auch wenn heute und morgen die Fertigung in fernen Niedriglohnländern sich noch rechne, so Marin, den Unternehmen werde bewusst, die Risiken seien zu hoch, wisse doch jede und jeder, Covid-19 sei nicht die letzte Pandemie gewesen. Deshalb liege nahe: Produktion zurückholen, Roboter einstellen; die jammern nicht, organisieren sich nicht, werden nie krank, brauchen weder Virenschutz noch Pause, Schlaf, Urlaub, Lohn oder Sozialversicherung.
Weiterlesen →Wenn der Rechner die Preise ändert

Corona-Zeit ist Gartenzeit. Ich brauchte wegen wuchernden Wachstums zweier Kirschlorbeerbäume irgendetwas Teleskopartiges mit Schneidefunktion. Es gibt, so wusste ich, Akku-Heckenscheren mit einer Art Besenstielverlängerung. Das passende Gerät war im Netz schnell gefunden. 74 Euro ohne Akku. Aber da ich bereits eine Kompaktkettensäge auf Basis des gleichen modularen Akkusystems hatte, kein Problem. Ich war natürlich bei Amazon. Besann mich dann aber und recherchierte bei zwei nahegelegenen Baumärkten – was ohne deren Online-Auftritt nicht möglich gewesen wäre. Beim einen war das Ding ausverkauft, beim anderen nicht im Sortiment. Also wollte ich die Sünde der Bestellung bei Jeff Bezos begehen. Drei Stunden nach der Erstsichtung klickte ich das Gerät nochmals an. 99 Euro. Statt zuvor 74 Euro. Eine Preissteigerung von 33,8 Prozent in drei Stunden. War gerade die Fabrik des Herstellers explodiert? Nichts dergleichen. Es war ein handfestes Beispiel für KI-gesteuerte Preis-Volatilität unter volldigitalen Bedingungen.
Weiterlesen →Die ‚besten‘ Quellen entdecken

Eine kleine Beobachtung aus den sozialen Medien: Wenn man den sehr guten RSS-Reader Feedly installiert, hat man die Möglichkeit, sich die RSS-Feeds von Nachrichtenangeboten oder Blogs zu bestimmten Themenkreisen empfehlen zu lassen. Diese sind standardmäßig nach dem sogenannten Feedly-Score sortiert, der nicht nur die Reichweite innerhalb des Feedly-Systems, sondern auch die thematische Fokussierung und das Engagement der Nutzer abbildet, um so eine Art Index für Relevanz und Einfluss zu generieren. Das Resultat sollte uns zu denken geben.
Weiterlesen →Das Conspi-Virus. Kleiner Ratgeber zum Umgang mit dem Verschwörungs-Syndrom

Der kleine Ratgeber bietet Antworten auf folgende Fragen: Wie funktioniert ein Verschwörungs-Infekt? Was hilft bei der Verbreitung des Conspi-Virus? Kann man Verschwörungsinfektionen eindämmen? Kann man Verschwörungsspekulationen voraussehen? Warum sind Prominente empfänglich für das Conspi-Virus? Können Verschwörungsspekulanten zum Star werden? Wie verführen Conspis andere Menschen? Warum ist das Impfen so ein beliebtes Verschwörungsthema? Sind Conspis ein politisches Problem? Sind Rechte Conspi-gefährdeter als Linke? Sind kirchliche Würdenträger verschwörungsanfälliger? Welche Conspis sind die Gefährlichsten? Gehört Putin zu den Conspis unter den Mächtigen? Hilft mehr Aufklärung gegen Conspi-Infektionen?
Weiterlesen →Der feine Unterschied: Firmen helfen, nicht deren Eigentümern

Wie sehen sich Unternehmer, Manager und Banker? Im Prinzip für klasse: innovativ, intelligent, effektiv, mutig — und in Politikern sehen sie im Prinzip ihr Gegenteil. Allerdings: Kommt eine veritable Krise, dann sind sie nur Opfer, tragen nie Mit-Schuld, klagen: Krise, Krise … und halten die Hand auf — beim gerade noch denunzierten Staat. Dieses Mal soll es um bis zu 1,9 Billionen Euro gehen, veranschlagte jüngst die Deutsche Bank; ob Bürgschaften, Kredite oder Zuschüsse. Fünf Mal der Bundeshaushalt 2019. Welche Kredite verloren gehen, welche Bürgschaften fällig werden, das ist alles offen. Weil es um so viel Geld geht, deshalb sollte von Anfang an nur genau dosiert geholfen werden. Moritz Schularick, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Bonn, weist deshalb auf diesen feinen, aber entscheidenden Unterschied hin: Den Unternehmen solle geholfen werden, auf keinen Fall deren Eigentümern und Managern.
Weiterlesen →„Nach der Entwarnung ging der Film weiter“

Wofür sind die öffentlich-rechtlichen Medien gut? arte zeigt es mit dem großartigen Zweiteiler „Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt“ zum Jahrestag der Befreiung Deutschlands am 08. Mai 1945, der noch bis zum 2. August 2020 in der arte-Mediathek zum Abruf bereit steht.
Weiterlesen →Klaus von Beyme: Die SPD ist zu sehr in der Mitte der Merkel-Treuen
Klaus von Beyme, Nestor der deutschen Politikwissenschaft mit hoher internationaler Reputation, würde dem SPD-Politiker Karl Lauterbach einen Oskar für auffällig kluges Handeln in der Corona-Krise verleihen. Gegenüber dem Team-Blog bruchstuecke.info äußerte sich von Beyme auch zur Lage der SPD mit den Worten: „Die SPD ist zu sehr in die Mitte der Merkel-Treuen gerückt. Sie hat seit 1990 zu häufig den Vorsitz gewechselt und zur Zeit keinen überzeugenden Vorstand.“
Weiterlesen →Panikblödheit oder Wir sind zwar dumm, aber klug genug zu lernen

Seit Monaten höre ich zwei verschwisterte Klagen. Die eine: Deutschland sei ein Flickenteppich. Die andere: Europa sei ein Flickenteppich. Beklagt wird gleichermaßen, dass es zu wenig einheitliche, abgestimmte, synchronisierte, am besten aber: irgendwo „von oben“ durchgreifende Maßnahmen gibt, um das allwaltende mikrobielle Böse in seine Schranken zu weisen. Deutschland ist den Klagen nach ein föderalistischer Flickenteppich. Europa ein Flickenteppich der irgendwie eigensinnigen bis national-egoistischen Staaten. Durchgreif-Staaten wie China hingegen werden gelobt, aber zugleich verdächtigt, zu vertuschen, zu verschleiern, zu unterdrücken, was das Durchgreif-Lob dennoch nicht entkräftet. Es wird vielleicht geahnt, dass das harte Durchgreifen sich nur durch Verschleierung von Kollateralschäden legitimieren kann. Wäre mehr davon auch für deutsche Mentalitäten sinnig?
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