Die ludische Gala des Computers

Screenshot Gamescom Award

In Köln am Rinnsal des Rheins flutet das Geschäft mit dem Spiel die Messehallen. „Vom 23. – 28. August könnt ihr das weltweit größte Event rund um Computer- und Videospiele und Europas führende Business-Plattform für die Games-Branche endlich wieder live und sorgenfrei erleben“, jubeln die Veranstalter der Gamescom. Der Computer hat eine Hochkonjunktur des Spiels ausgelöst, die ludische Gala ist in vollem Gang. In familiären und freundschaftlichen Alltagsgesprächen, in den Massenmedien, an Universitäten („game studies“) und nicht zuletzt von der Wirtschaft wird das Thema Spiel gehyped. Was macht der homo sapiens, wenn er nicht als homo faber oder als homo oeconomicus aktiv ist, sondern als homo ludens? Die Attraktivität des Spiels beruht, so die These vorab, auf erwünschten Erlebnissen, die den Umgang mit Unerwartetem und das Hoffen auf Gelingen miteinander verbinden.

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Nukleare Abschreckung, instabil und paradox

Bild: geralt auf Pixabay

Eigenartigerweise spielt in den deutschen Medien bislang nur ein geringe, auf jeden Fall nur eine untergeordnete Rolle, was der Politikwissenschaftler Peter Rudolf im Untertitel seines Buches „Welt im Alarmzustand“ ankündigt: „Die Wiederkehr nuklearer Abschreckung“. In den deutschen Medien dominiert nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs – nach einer eher kurzatmigen Debatte über den Sinn und die Gefahren einer Flugverbotszone über der Ukraine – das Thema der Lieferung schwerer Waffen, so als ob nicht die drohende Konfrontation zweier Atommächte und damit die nukleare Abschreckung mit auf der Tagesordnung stünden und nicht nur die Unterstützungsbedürftigkeit des attackierten Landes mit modernen Waffen.

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Friedenslogik? Kriegsmetaphysik? Es geht um Staatsinteressen, merken Sie sich das  

Alice Lex-Nerlinger (1893-1975) „Das Verborgene Museum“
Neue Nationalgalerie Berlin (Foto: Fabian Arlt)

„Wie auch immer dieser Krieg ausgehen mag, so steht doch eines fest: Russland bleibt der große, indirekte Nachbar Deutschlands auf dem europäischen Kontinent. Wir stehen vor der Alternative: Entweder ein neuer Kalter Krieg mit Waffengeklirr, Aufrüstung, Feindbildern, dem Kappen aller Beziehungen, die seit dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere seit der Entspannungspolitik der 1970er-Jahre mühevoll geknüpft worden sind, ständige Kriegsgefahr. Oder die Suche nach einer neuen Koexistenz bei Anerkennung der Unterschiede; mit der Vision einer Wiederanknüpfung an die Idee vom ‚Gemeinsamen Haus Europa‘.“

Auf Einladung des Emmendinger Kreisverbandes von Bündnis 90/Die Grünen sprach der Militärhistoriker und Friedensforscher Wolfram Wette am 20. Juni 2022 in Denzlingen zum Krieg in der Ukraine. Die seemoz veröffentlichte den Vortrag ungekürzt in 2 Teilen. Wir haben daraus 1 Bruchstück gemacht, publizieren es sechs Monate nach Kriegsbeginn und danken Wolfram Wette und der seemoz-Redaktion für die Freigabe.

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Butter by Lindner (zwei)  

FDP 2012, Guido Westerwelle, Christian Lindner, Daniel Bahr (Foto: Raimond Spekking auf wikimedia commons)

»If you are in a deep hole, stop diggingHör auf zu graben, wenn du in einem tiefen Loch bist. (unbekannt)
Nicht nur die FDP im Besonderen, Zivilisationen neigen allgemein dazu, auf große Krisen mit der Verstärkung jener Strategien und Praktiken zu reagieren, die Teil des Problems sind und im schlimmsten Fall die Krisen erst hervorgerufen haben. Zwar hat uns Friedrich Hölderlin ins Buch geschrieben, wo Gefahr sei, wachse das Rettende auch, aber es bedarf einer großen Kraftanstrengung, dies in der Gegenwart für wahr zu nehmen. Christian Lindner ist insofern ein Gefangener seiner eigenen Beschwörungsformeln.

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Nachhaltigkeitspolitische Perspektive für Nordstream 2 

Dass Nordstream 2 in der konzipierten Form schon aus nachhaltigkeitspolitischen Gründen zum Scheitern verurteilt war, zeichnete sich ab, seitdem das Projekt geplant wurde. Als Großprojekt der fossilen Energiewirtschaft ist Nordstream 2 von Anfang an im Hinblick auf die in den nächsten Jahren anstehende notwendige Dekarbonisierung ignorant und zukunftsblind. Nordstream 2 ist ein Monument der nachhaltigkeitspolitischen Fehlstellung Deutschlands und Russlands in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts.
Nachdem Nordstream 2 fertiggestellt ist und der Angriff Russlands auf die Ukraine die Inbetriebnahme dieses zukunftsblinden Projektes endgültig gestoppt zu haben scheint, gibt es zwei Möglichkeiten: den Rückbau bzw. Abriss oder eine alternative Nutzung.
Eine alternative Nutzung würde die nachhaltigkeitspolitische Blindheit des Projektes hinter sich lassen und Energiewende-Zielsetzungen im Sinne der Transformation verfolgen. Die Pipeline könnte beispielsweise in Zukunft statt dem Transport von fossilem Gas der Durchleitung von CO2-freiem synthetischem Gas dienen.
Eine solche alternative Nutzung würde freilich erhebliche energiewirtschaftliche Investitionen in Russland und Deutschland voraussetzen. Nordstream 2 könnte so Teil eines länderübergreifenden Infrastrukturprojektes der Transformation zur Nachhaltigkeit werden. Diese nachhaltigkeitspolitische Perspektive könnte auch in Verhandlungen zur Beendigung des Krieges in der Ukraine eine zukunftsgestaltende Rolle spielen. Ob Nordstream 2 noch eine Perspektive hat, wird freilich auch davon abhängen, ob nach Kriegsende Russland bereit und in der Lage ist, mit Europa und der Welt im Sinne der Transformation zur Nachhaltigkeit zu kooperieren.

Liebe Demokratie, wie geht es dir?

| Intromusik: terrasound.de

„Demokratische-Volks-Republiken“ sind nominell Demokratien hoch drei, tatsächlich Despotien. Mit dem Namen Demokratie wird Schindluder betrieben. Der Demokratie-Index der britischen Economist-Group sagt aus, dass nur 6,4 Prozent der Weltbevölkerung gegenwärtig in Ländern mit einer „vollständigen Demokratie“ leben. Fast drei Milliarden Menschen müssen diktatorische Verhältnisse aushalten. Liebe Demokratie, dass du unter Machthabern wenig Freunde hast, leuchtet ein. Aber warum hast du im Volk so viele Gegner?

Geschrieben und gesprochen von Joe Kerr

Weitere Folgen von ‚Auch das noch!‚ zum Hören gibt es hier, wer nachlesen möchte, findet hier einen monatlichen Rückblick.

Süßes Wasser, bitter

Antarktis, Diorama (Foto: Adbh266 auf wikimedia commons)

Jede Generation hat ihre eigene Baseline, beschreibt Umgebung, Landschaft, Bestände, Natur als das, was sie vorfindet. Nimmt dies als Grundlage dafür, was gegenwärtig verloren geht. Und hat schon längst vergessen, was mal da und wie es gewesen war. »Kippelemente sind Bestandteile des Erdsystems von überregionaler Größe, die ein Schwellenverhalten aufweisen. Sofern das Hintergrundklima sie schon nahe an einen Schwellenwert gebracht hat, können sie also bereits durch kleine externe Störungen in einen qualitativ neuen Zustand versetzt werden.« So sachlich klingt es auf der Webseite des Potsdam-Instituts für Klimaforschung (PIK). Wem das Angst macht, verschließt entweder die Augen oder geht for future auf die Straße.

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Aufarbeiten, was war: Exekutive, Regierung, Cum-Ex-Skandal

Am heutigen Freitag wird Bundeskanzler Olaf Scholz als Zeuge vor dem Untersuchungsausschuss der Hamburger Bürgerschaft befragt zur „Klärung der Frage, warum der Hamburger Senat und die Hamburger Steuerverwaltung bereit waren, Steuern in Millionenhöhe mit Blick auf Cum-Ex-Geschäfte verjähren zu lassen und inwieweit es dabei zur Einflussnahme zugunsten der steuerpflichtigen Bank und zum Nachteil der Hamburgerinnen und Hamburger kam“. Die Vorberichterstattung dazu hat es in sich, das Verhalten der SPD auch.

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Stresstests und die Klima-Endspiel-Agenda

Bild: geralt auf Pixabay

„Wir können die erste Generation sein, der es gelingt, Armut zu beseitigen, und gleichzeitig vielleicht die letzte Generation, die noch die Chance hat, unseren Planeten zu retten. Wenn es uns gelingt, unsere Ziele zu verwirklichen, werden wir die Welt im Jahr 2030 zum Besseren verändert haben.“
So ist im Punkt 50 der Agenda 2030, einem Stresstest des Mensch-Planeten-Systems, die finale Perspektive der Menschheit und des Planeten formuliert. Wann sind Stresstests nur ein Beruhigungsmittel, wie können sie zur großen Transformation beitragen?

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Butter by Lindner (eins)

Foto: Michael Lucan auf wikimedia commons

„Während sich die Sommerpause im Krisenmodus hinzieht, steht eine Regierungspartei so schlecht da wie schon lange nicht mehr: die FDP“, schreibt Die Zeit nach Christian Lindners Auftritt im ZDF-Sommerinterview. Es ist erst das zweite Mal, dass mit Lindner ein Mann der FDP »Bundesminister der Finanzen der Bundesrepublik Deutschland« wurde. Und Heinz Starke, der am 14. November 1961 sein Amt antrat, gab es bereits am 19. November 1962 wieder ab, wechselte später sogar die Partei, indem er Mitglied der CSU wurde. Er war über die sogenannte Spiegel-Affäre ins Trudeln geraten und musste, zusammen mit anderen Ministern, seinen Hut nehmen. An Christian Lindner, dessen unmittelbarer Vorgesetzter sein Vorgänger im Amt gewesen ist, lässt sich nun viel entlangreden und studieren. Denn die Konstellation, in der er sich nun einen noch größeren Namen machen will, macht neugierig.

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Ein goldener Sargnagel namens Schlesinger  

Bild: rbb | Intromusik: terrasound.de

„Bloß nicht langweilen“: Der Rundfunk Berlin Brandenburg wird seinem Marken-Slogan gerade voll gerecht. Wenn das Schweigekartell aufbricht, der Schönsprechchor verstummt und die ganze Kulisse in sich zusammenfällt, haben es alle immer schon gewusst. Spannender ist die Frage, wie sich in Führungsetagen so viel Feudalismus frei entfalten kann, so viel Selbstherrlichkeit breit machen darf.

Geschrieben und gesprochen von Joe Kerr

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Ein Einzelfall, der Strukturdefizite bloßlegt und in das Bild von Berlin passt

Bild: cocoparisienne auf Pixabay

„Zu den Eigenartigkeiten des öffentlichen Rundfunks als Institution und Organisation gehört, dass hier Intendantinnen und Intendanten agieren – dieses Führungsmodell, aus dem Kulturbereich stammend, hat sich überlebt. Dieses Führungsverständnis behindert professionelle Führungsmethoden“, sagt Professor Otfried Jarren im Interview zum Fall Schlesinger und fragt, „wie nun das Management und das Aufsichtsgremium der Messe Berlin, zu 100 Prozent im Besitz des Landes, damit umgeht, was ihr ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender da alles wohl mit dem Geld der Messe gemacht haben soll“.

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Frankreich übt Parlamentarismus

Die Macht hat den Elysee-Palast verlassen… (Foto: Maryam Alawi)

In Frankreich herrscht bis Anfang September Ferienzeit: Seit Generationen fahren die einen mit ihren Familien im Juli, die anderen im August ans Meer, in die Berge oder einfach ins Ferienhaus in der „campagne“, das oft noch in dem Dorf steht, aus dem die Großeltern oder noch entferntere Verwandte einst in die Städte oder Industriegebiete ausgewandert sind. Die sommerlichen Gewohnheiten prägen nach wie vor diese Gesellschaft und ihr privates Alltagsleben. An ihnen wird nicht gerüttelt, auch wenn sich in den letzten Monaten die Republik des Hexagone radikal verändert hat: Das demokratische Fundament durchziehen tiefe Risse, bröckelt da und dort. Und es entsteht ein neues Machtzentrum.

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Kamikaze am Atomkraftwerk Saporischschja

Aufnahme aus einem Fotowettbewerb der Beschäftigten des AKW Saporischschja. Die Preisverleihung ist auf Youtube (Screenshot) zu sehen.

Die Wiener Atomenergiekommission (IAEO) ist seit Tagen wegen der Berichte über die jüngsten Kämpfe um das ukrainische Atomkraftwerk alarmiert. Generaldirektor Rafael Mariano Grossi: Es dürfe zu keinem Unfall kommen, die IAEO müsse so bald wie möglich das AKW aufsuchen. „Es ist dringend“. Sein Plan: ein Abkommen über einen Cordon sanitaire für Atomkraftwerke. Im Detail: Die Unterzeichner verpflichten sich, diese Anlagen im Kriegsfall nicht anzugreifen oder zu beeinträchtigen. Dazu hat er „sieben Säulen“ definiert. Nur wenn alle beachtet würden, werde das AKW sicher betrieben. Jedoch: Alle diese Regeln würden im AKW Saporischschja verletzt, erklärte der IAEO-Direktor. Das Entscheidende: Bis jetzt hat keine Regierung auf seinen Vorschlag reagiert. Der deutsche Kanzler, die Außenministerin, die EU-Kommissionspräsidentin, alle, die sonst so beredt sind, schweigen bisher zu diesem Vorschlag. Wie gefährlich die Lage ist, zeigt die folgende detaillierte Schilderung.

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Bleiben die Massen aus, können Radikalität und Sektierertum zum Ersatz werden

Bild: geralt auf Pixabay

Ich habe das Gefühl, für eine große Minderheit besteht die Katastrophe in Dürre, Hitze und der Tatsache, dass unverändert Vielflieger und rasende Autofahrer das Klima ruinieren. Und für die anderen, die große Mehrheit, besteht die Katastrophe darin, dass sie für ihren Flug nicht pünktlich abgefertigt werden. So Wolfgang Storz im Interview mit dem Bewegungs- und Protestforscher Dieter Rucht, der dazu sagt: „So ist es. Anzeichen einer Spaltung sind unverkennbar, wenngleich hierzulande noch keine Verhältnisse wie in den USA herrschen.“ Die Stiftung „Oneworryless“ hatte am 6. August unter anderem in Hamburg, München und Berlin dazu aufgerufen, die Aktion #IchBinArmutsbetroffen über das Internet hinaus auf Straßen und Plätzen sichtbar zu machen.

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