Konjunkturpaket: Wie ein Taschentuch für den Glaspalast

Naturverständnis in Zeiten von Corona (Foto: Torsten Schäfer)

Wer sich mit Klima, Natur und Umwelt beschäftigt, der taucht auch tief in die Viruskrise hinein. Denn es gibt viele Parallelen, aber auch klare Unterschiede. Während das Coronavirus unerwartet kam, trifft das Gegenteil auf die Klima- und Umweltproblematik zu: Wir leben im Anthropozän und wissen das auch mehrheitlich. Und dennoch besteht ein eklatanter Zusammenhang zwischen der Ausbreitung des Virus und der ökologischen Problematik: Beides sind primär soziale Sachverhalte.

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Neues vom Narrenschiff

Der deutsche Fotograf und Journalist Janko Puls lebt mit seiner Frau seit 2006 im East Village in Manhattan. In einem langen, leidenschaftlichen Brief, den er am 02. Juni 2020 verfasst und an seine Freunde geschickt hat, schildert er das Leben inmitten der aktuellen Unruhen, unter Corona, unter Donald Trump, in einer Stadt und einem Land, die er liebt, und die ihn zur Verzweiflung treiben. Mit seinem Einverständnis dokumentieren wir den lesenswerten Text und bieten ihn als edition bruchstuecke #1 auch als pdf zum Download an.

Proteste am Washington Square Park in NYC im Juni 2020
(Foto: David Shankbone / flickr)

New York City, 02. Juni 2020

Es ist still draußen. Ich sitze mitten in Manhattan, New York City, NY, an meinem Schreibtisch am Fenster, mit Blick auf den grünen Hinterhof und die Fenster der tenement buildings im nächsten Block. Ich höre gerade nur ein paar Vögel zwitschern. Keine Autos. Keine Stimmen, keine Flugzeuge, keine Hubschrauber. Aber ich weiß, dass das die Ruhe vor dem nächsten Sturm ist. Ein Moment der Sammlung im Auge eines Orkans.

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Edle Ziele, doch wo ist der Weg?

Um die Jahrhundertwende waren Elektroautos bereits ebenso praktikabel wie Gasautos. Mit dem Aufkommen der alkalischen Batterie, die von Thomas Edison erfunden wurde, schien es nur eine Frage der Zeit, bis die Idee der elektrischen Energie auf die pferdelose Kutsche übertragen wurde. Natürlich würde es Werbung geben, um diese Autos zu verkaufen. Die Baker Motor Vehicle Company aus Cleveland, Ohio, baute die Baker Electric – einer der erfolgreichsten Hersteller von Elektroautos zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Weiterentwicklung des Otto-Motors ließ Elektroautos aber schnell wieder vom Markt verschwinden. | Foto: Hemmings

Der persönliche PKW ist ökologisch gesehen ein Anachronismus. Private Autos stehen absolut mehrheitlich dumm in den Städten herum. Ein integriertes öffentliches Verkehrssystem vom selbstfahrenden Taxi bis zum ICE ist zukunftsweisend. Ja. Aber! Wo finden sich die genauen Wege?
Oder mit den Worten des geschätzten Soziologen Armin Nassehi:
„Das Problem ist, dass wir nur noch Ziele haben. Ziele formulieren kann jeder. Ich habe kürzlich einen Vortrag vor den versammelten deutschsprachigen Klimaforschern gehalten, 400 Leute, die sagten, dass sie den Politikern immer erklärten: Ihr müsst den CO-Ausstoß um soundsoviel Prozent senken oder auf diese oder jene Technologie setzen. Und die unterschreiben dann Klimaschutzziele, teilweise mit bestem Wissen und Gewissen – aber es gelingt schon deshalb nicht, weil man das Ziel bereits für den Weg hält. Wer ein genaues Ziel vorgibt, scheitert womöglich daran, dass das Ziel schon wie die Lösung aussieht. Dabei ist es der Weg dorthin, um den es geht.“ (taz, 19.06.2019)

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Als die IG Metall das Auto noch nicht liebte

Die Frankfurter IG Metall-Zentrale. Foto: Bruno /Germany auf Pixabay

VW, Daimler, BMW und ihresgleichen haben bisher vom Steuerzahler fast alles erhalten, standen sie doch für d i e Leitbranche der deutschen Wirtschaft. Der IG Metall, Deutschlands größter Gewerkschaft, kam das gelegen. Die Konzerne konnten es sich sogar erlauben, jahrelang technisch-innovatorisch nicht vorne, lediglich im Betrügen Spitze zu sein — das ist jetzt beendet. Im Kampf um eine neuerliche generelle Kaufprämie, faktisch: Abwrackprämie, haben sie jüngst eine Niederlage erlitten, die sie als historisch empfinden müssen. Dass dieser Abstieg — gestern noch Leitbranche, heute eine unter anderen — gravierende Folgen haben wird, auch für die Arbeitsplätze, ist klar; vor allem in Anbetracht erheblicher Überkapazitäten. Was tun? Wollten sie das Beste für die Arbeitsplätze und sich geplant (nicht zufällig, chaotisch) in eine gute Zukunft retten, würden sie spätestens jetzt alles daran setzen, ihre Auto- zu einer Mobilitätsindustrie umzubauen. Aber was tun sie stattdessen? Konzerne und Gewerkschaft rennen weiter Schulter an Schulter in ihre Sackgasse der individuellen Mobilität hinein. Tragisch ist diese Mut- und Ideenlosigkeit vor allem für die IG Metall. Denn die war in den 1990er Jahren unter ihrem legendären Vorsitzenden Franz Steinkühler schon einmal viel weiter.

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Die Uni aus der Ferne. Über Hürden telematischen Studierens

Video-Konferenz: Viele Einblicke in fremde Zimmer | Foto: Unsplash

Die sorgsame Glättung meiner Bettdecke auf dem Überzug, um unschönes Hervorlugen zu vermeiden, ein halbherziges Aufschütteln der Kissen und finales Drapieren sind Bestandteile meiner morgendlichen Routine geworden. Ein aufgewühltes Bett würde meinen Video-Background ruinieren.

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Konsumglück mit Frustgarantie als Krisenlösung

Foto: Fabian Arlt

Ça va? How are you? Wie geht’s? Am liebsten gut, muss ja, geht so, beschissen wäre geprahlt, bestens, danke gut und wie geht’s dir? Witzig, routinemäßig, resigniert, jede Antwort ist möglich, in nicht zu überbietender Bestform lautet sie: Ich bin glücklich! Mehr kannst du nicht wollen als – Glück. Unzählige Lieder und Gedichte, Romane und Filme, Studien und Ratgeber beschwören es. Dass die Menschen schon auf Erden glücklich sein sollen, ist eine ziemlich junge Idee. Sie ist genau so alt wie das ständige Krisengerede. Krise undGlück haben dieselbe Wurzel, das Unerwartete, und denselben Widersacher, den modernen Machbarkeitswahn. Zum Konjunkturpaket geschnürt, liefert er Konsumglück mit Frustgarantie als Krisenlösung. 

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Das Geld, das Auto, die Arbeit

Wie ein gigantisches Förderprogramm wenige Gewinner
und einige Verlierer produziert

SCHÖN TEUER & ELEKTRISCH, DER ERSTE
Aston Martin Rapide e
Preis: 275.000 Euro
Beschleunigug: 4,0 s/100 km/h
Höchstgeschwindigkeit: 248 km/h
Leistung: 612 PS
Reichweite: 320 km

Geld regiert die Welt und Deutschland. Hat die Regierung das Geld, kann sie besser regieren. Die deutsche Regierung hat 130 Milliarden Euro eingesammelt. Das liegt nun nicht etwa in Tresoren unter dem Bundeskanzleramt (obwohl das ja wie ein futuristisches Fort Knox aussieht), sondern ist virtuelles Geld.

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Ein großer Wumm, ein leiser Plopp, ein verzagtes Wimmern

Der große Wumm der Großen Koalition ist ein finanziell groß angelegter Versuch, der Bundesrepublik die Rückkehr in den Präpandemie-Alltag zu erleichtern. Der große Wumm ist ein leiser Plopp, gemessen an dem „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“, den  der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) im Jahr 2011 vorgestellt hat. Der große Wumm ist ein verzagtes Wimmern im Angesicht der Forderungen, die Coronakrise als eine Zäsur zu begreifen, das gesellschaftliche Leben auf der Erde im Sinne der Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen und der Pariser Klimaschutzziele weiter zu entwickeln.
Umso wichtiger wird es, die Debatte darüber nicht einschlafen zu lassen, was programmatisch-konzeptionell und strategisch-praktisch aus der Krise gelernt werden kann für die ökologische Verteidigung der natürlichen Lebensgrundlagen und für den feministischen Angriff auf das herrschende Geschlechterverhältnis. Zwei Blogs, in die es sich in diesem Zusammenhang lohnt, immer wieder mal hineinzuschauen: Corona & Society des Progressiven Zentrums Berlin und Kultur/Reflexion der Universität Witten/Herdecke.

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Trumps Politik lebt von der Eskalation

Foto: Mike Von auf Unsplash

Sollen wir wirklich glauben, dass Trump und sein Apparat eines Tages bereit sein werden, die politische Macht freiwillig wieder abzugeben? Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Trump-Regierung die USA in den kommenden Jahren stattdessen in eine Art Bürgerkrieg hineinführen wird.” Im April 2017 veröffentlichte die Wirtschaftszeitung OXI ein Interview mit dem Soziologen Sighard Neckel über Rolle und Wirken von rechten Populisten in kapitalistisch verfaßten Demokratien. Sighard Neckel ist Professor für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel an der Universität Hamburg. Er antwortete damals, vor rund drei Jahren, auf Fragen, wie gefährlich und mächtig rechte Populisten sind.

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Über Himbeereis, Krise und Normalität

Bild: Geralt auf Pixabay

Sobald ein neues Wort im allgemeinen Sprachgebrauch auftaucht, ist ein Unterschied wichtig geworden, der vorher keine Rolle spielte oder gar nicht wahrgenommen wurde. Sagt jemand Himbeereis, weiß ich sofort Zweierlei: Erstens es gibt noch anderes Eis, zweitens es gibt auch noch etwas anderes als Eis; welches Andere gemeint ist, kann erst einmal offen bleiben. Ist von Krise die Rede, wird der Unterschied gerne Normalität genannt. Allerdings behaupten kluge Leute, seit dem 18. Jahrhundert, also seit wir „in der Moderne“ leben, seien Krisen normal. Das spräche dafür, dass die Normalität in der Krise ist. Ein Versuch zu sortieren.

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Wohin treibt die Gesellschaft? Drei “Post-Corona-Szenarien”

Unter den unmittelbaren Eindrücken der Coronakrise sind nach einer repräsentativen Umfrage zwei Drittel der Bevölkerung der Ansicht, dass danach „nichts mehr so sein wird, wie es war“. Wohin wird sich unsere Gesellschaft aufgrund der Krisenerfahrungen entwickeln? Aus den öffentlichen Diskussionen in Print- und Online-Medien lassen sich drei Szenarien herausfiltern, wie es in den kommenden zwei bis drei Jahren weiter gehen könnte: Staatliche Autorität und nationale Autarkie werden gestärkt oder die neoliberalen Trends beschleunigen sich oder es findet ein Paradigmenwechsel statt hin zu einer sozial-ökologischen Transformation.

Die detaillierte Diskursanalyse mit ausführlichen Belegen kann hier abgerufen werden; dabei wird auch dargestellt, inwieweit jedes dieser Szenarien in verschiedenen sozialen Milieus anschlussfähig ist. Der folgende Text fasst Grundtendenzen der drei Szenarien zusammen, wie sie sich in Appellen und Forderungen, Hoffnungen oder Befürchtungen widerspiegeln.

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Marketing ist ein Gespräch, kein Monolog der Anbieter

Krankenhäuser, die wie Industriebetriebe nach betriebswirtschaftlichen Kriterien geführt werden, stehen in der Kritik. Doch was ist eigentlich schlecht an Industrie und Betriebswirtschaftslehre außer den gängigen Vorurteilen gegenüber der Wirtschaft? Ein zeitgemäßes Marketingverständnis verfolgt das, was Medizin und Politik auch propagieren – der Mensch, nicht das Wirtschaftsgut, steht im Mittelpunkt. Allerdings fördert die Rolle der Medizin, so wie sie in der Coronakrise dargestellt wird, auch die Vorstellung, es gäbe für jede Krankheit eine richtige Behandlung, Medikation bzw. Geräte, die die Gesundheit wie in einer Autowerkstatt wiederherstellen könnten: vorfahren, wegfahren, glücklich sein.

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Ping-Pong der Extreme in der Pandemie

Dieser Text ist nur für diejenigen interessant, die die sogenannten Hygiene-Demos als Problem und Gefahr sehen; die es für möglich halten, dass sich eine Massenbewegung entwickelt, weit über Verschwörungsprediger und Rechtsextreme hinaus. Meine Annahme: Bei gesellschaftlichen Polarisierungen wie jetzt in der Corona-Krise findet ein Ping-Pong zwischen den Extrempositionenen statt: Nicht nur Sachaussagen und Forderungen schaukeln sich gegenseitig hoch, es potenziert sich auch die Empörung über unausgesprochene Haltungen der Gegenseite, die ich als Aura von Positionen bezeichne. Denn um Sachaussagen herum baut sich eine atmosphärische Aura auf, die politisch wirksam wird. Wer eine „Hygiene-Rebellion“ verhindern will, muss positive Perspektiven bieten.

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Ein Prachtstück politischer Aufklärung

Bild: Gerd Altmann auf Pixabay

Politische Führung im selbstgerecht-fanatischen Freund-Feind-Modus macht aus Krisen Katastrophen. Wer es nicht gesehen hat, sollte sich 43 Minuten Zeit nehmen und es mit Hilfe der ZDF-Mediathek nachholen: „Der Unverantwortliche. Trump und die Corona-Krise“. ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen hat interne Dokumente aus dem Beraterstab des US-Präsidenten ausgewertet, lässt Experten zu Wort kommen, zeichnet Stellungnahmen und Handlungsweisen des US-Präsidenten nach vom Ausbruch der Pandemie in China im November 2019 bis in die jüngsten Tage (Ende Mai 2020).

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Sind Virenzeiten Roboter-Zeiten?

Bild: Gerd Altmann auf Pixabay

Wenn in diesen Monaten das Virus (sogar) Deutschland in die Digitalisierung treibt, dann geht es um mehr als um E-Learning an Schulen und Hochschulen oder Video-Beratungen anstelle von Geschäftsreisen. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Dalia Marin, Technische Universität München, stärkt seit Wochen die These, die deutsche Industrie werde auch Teile ihrer Produktion in die Heimat zurückholen, sei doch „die Ära der Hyperglobalisierung … beendet.“ Auch wenn heute und morgen die Fertigung in fernen Niedriglohnländern sich noch rechne, so Marin, den Unternehmen werde bewusst, die Risiken seien zu hoch, wisse doch jede und jeder, Covid-19 sei nicht die letzte Pandemie gewesen. Deshalb liege nahe: Produktion zurückholen, Roboter einstellen; die jammern nicht, organisieren sich nicht, werden nie krank, brauchen weder Virenschutz noch Pause, Schlaf, Urlaub, Lohn oder Sozialversicherung.

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